Алексей Евсеев (jewsejka) wrote in ed_limonov,
Алексей Евсеев
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Edward Limonow LOVE, LOVE, LOVE // "Wolkenkratzer Art Journal", №1, Jan-Feb 1987; №2, März-Apr 1987

Edward Limonow in Wolkenkratzer Art Journal Edward Limonow Wolkenkratzer Art Journal

Edward Limonow
LOVE, LOVE, LOVE
перевод рассказа ИСТ-САЙД — ВЕСТ-САЙД на немецкий язык

Edward Limonow, Verfasser des Buches »Fuck off, America« und Autor der Andy-Warhol-25-Cent-Geschichte im letzten Wolkenkratzer erzählt in Love, Love, Love, wie er sich einmal aus Liebe, Wut und Leidenschaft in eine lehensgefährliche Situation begab…

Übersetzung von Hans Hütt


Du denkst, dein Leben ist langweilig, Leser? Du wirst jetzt herausfinden, wie nahe du Krieg, Tod und Zerstörung schon bist. Und wie schwach außerdem.
Ich bin ein Sex-Maniac. Die erste Nacht nach meiner Ankunft in New York landete ich auf einer Party, wo ich, noch bevor die Nacht vorbei war, nicht weniger als ein halbes Dutzend meiner früheren Freundinnen sah. Kurz vor Morgengrauen ging ich mit zweien in die Wohnung einer der beiden, zu Stacey. Stacey lebt in Washington Heights, nahe dem Hudson und George Washingtons Brücke in einem sehr hübschen, teilweise jüdischen Viertel. Staceys Straße ist die 175., was klingt, als ob es weit weg wäre, obwohl es mit dem Taxi vom Zentrum Manhattens aus nicht mehr als 10 Dollar kostet.
Beide Mädchen waren blond. Wir machten eine Zeitlang im Bett herum, versuchten zu vögeln, aber da wir betrunken und bekifft waren, beruhigten wir uns bald und schliefen ein. Morgens ging mein anderes Mädchen, und ich verbrachte den Tag mit Stacey.
Stacey hatte sich zum Besseren verändert in dem Jahr oder so, seitdem wir uns getrennt hatten; sie war sehr viel sexueller geworden. Vielleicht ließ sich dies damit erklären, daß sie ihren Lebensunterhalt im Bett verdienen mußte. Sie hatte einen fünf Jahre alten Sohn und verschiedene reiche Liebhaber für sich selbst. Von Zeit zu Zeit mochte sie gezwungen gewesen sein, sie zu wechseln und das Ergebnis war eine Anhäufung sexueller Erfahrung. Sogar Staceys Körper, der äußerlich noch der gleiche schlanke Körper eines gerade erwachsenen Mädchens zu sein schien, hatte in der Tat seine Struktur verändert: Er hatte sich in den Körper einer Hure verwandelt. Nachgiebig, wollüstig und umhüllt von Babyspeck — das war es, was mich an ihr reizte auf dieser Reise.


Ich wohnte für die zwei Wochen meiner Ferien in New York in einem Haus, wo ich einmal als Hausmeister gearbeitet hatte. Der Boß ließ mich da wohnen, ohne aber zu sagen, für wie lange, obwohl die Sekretärin und der jetzige Hausmeister mir erlaubten, bis zu meiner Abreise nach Los Angeles zu bleiben. Und so war es allein die Existenz Staceys und ihre Votze, die mich dazu brachten, die Schlüssel zu einer Wohnung in Washinton Heights anzunehmen, in der selben Straße wie Stacey, als ein Freund von mir, der sich Urlaub nahm, mir anbot, sie zu benutzen.
Manchmal, wenn auch nicht sehr häufig, entwickelt sich zwischen einem Mann und einer Frau eine Beziehung, die eher der zwischen einem Jungen und einem Mädchen gleicht. In unserem Fall begannen Stacey und ich, zusätzlich zu den Genüssen des Betts plötzlich einen Wettstreit, uns einander jedes nur vorstellbare Geheimnis anzuvertrauen — ob wir in den Tiefen dunkler New Yorker Bars saßen, auf dem Rasen im Central Park oder in einem anderen Park in der Nähe ihrer Wohnung, an dessen Namen ich mich nicht erinnere. Sie starrte mich an, ich starrte sie an, wir küßten uns, ich griff ihr unter ihrem Kleid zwischen die Beine und an die Möse, zupfte an ihrer kleinen Mähne aus blondem Haar, schlug vor, mit ihr in die Büsche zu gehen und zerrte sie hinein, wenn sie sich weigerte. Kichernd erzählte sie mir dann die Details der Geschlechtsakte mit ihren Geschäftsleuten, und ich erzählte ihr meine eigenen sexuellen Abenteuer. Manchmal verkrampfte sie sich und zeterte herum, aber vor einem Jahr noch wurde sie verkrampft und heulte, so war das besser; ein bemerkenswerter Fortschritt war erzielt worden.
Aber ich möchte nicht Staceys und meine Geschichte erzählen, weshalb du nur den bloßen Umriß unserer Beziehung bekommen hast. Meine Geschichte ist die von Limonow und der Süd-Bronx. Sie handelt davon, wie Limonow, und zwar wegen Stacey, bekleidet mit einem weißen Anzug und weißen Schuhen, bei sich ein Paket mit 21.000 französischen Franc in 500-Franc-Noten und alle seine Papiere, französische und amerikanische, Flugzeugtickets nach Los Angeles und von Los Angeles nach Paris, wie also Limonow sich um zwei Uhr morgens in der Süd-Bronx wiederfand, einem Gelände, das aussah, als wäre es von einer Atombombe verwüstet worden.
Der Franc fiel damals gerade gnadenlos und ich tauschte in der Hoffnung, er würde wieder steigen, meine Francs nur in kleinen Beträgen. Am Morgen jenes Tages hatte ich auch noch über 100 Dollar in meiner der Tasche. Ich traf Stacey an der Ecke Broadway und 57. Straße. Sie kam, wie ich in weiß gekleidet, in einem Kostüm mit enganliegendem Rock, der die Rundung ihres Arsches betonte — wie schön, einen jungen Körper auf hohen Absätzen bei sich zu haben. Die in diesem Leben zu kurz Gekommenen — und sie sind zahlreich am Broadway und in der 57. Straße — starrten mich neidisch an, während ich spöttisch meine Marilyn Monroe so durch das Gewühl steuerte, als wäre ich daran gewöhnt; immerhin bin ich 37 und habe das Recht dazu. Das Siegeszeichen war jene süß duftende junge Votze neben dem leicht ermüdeten Edward — das Zeichen für seinen Triumph über die Welt. All right!


Wir tranken eine beträchtliche Zahl von Drinks in einer Piano Bar auf der East Side, die »Sign of the dove« hieß und die Rechnung war, ich erinnere mich, sehr hoch. Eine Menge Geschäftsleute und andere feine Leute, von denen jeder hundert oder tausend mal mehr Geld hatte als ich — ich hatte mit den 21.000 Franc mein ganzes Kapital bei mir — betrachteten mich mit Respekt, als ich die hochgewachsene, besoffene Stacey hinausführte, wobei ihre hübschen Beine etwas schwankten und ein trunkenes Lächeln ihr Gesicht überflog. Ihre Frauen waren zweifellos gebildeter als Stacey, hatten aber weniger Klasse. Stacey, sollte ich erwähnen, wußte nichts über Kunst oder Literatur, aber andererseits hatte sie unbestimmt grüne Augen, kupferrotes Haar, kleine Brüste, einen weichen Arsch, dessen Backen sich in der Form eines verlängerten Os fast bis zur Taille erstreckten und sie war jung; sie war 23. Es gab mehrere junge Frauen in der Bar, aber die waren weit entfernt von der provozierenden Vulgarität meiner Marilyn Monroe.
Sie hatte ganz schön geladen und ging mir allmählich auf die Nerven. Sie wollte etwas essen. Ich auch, und ich hatte vor, neun Blocks weiter in Richtung Third Avenue zu gehen, zu dem von mir bevorzugten »P.J.Clark's«: Dort unter der alten Uhr sitzen, zwischen Anwälten und Ärzten, ehemaligen Boxern oder ehemaligen Polizisten und den Aufschneidern, die sich als Schriftsteller oder Künstler ausgeben — dort sitzen, inmitten jenes angenehmen menschlichen Mülls, dem der anderen und des eigenen, und zu Abend essen. Aber nein, sie wollte sofort essen und nicht erst in zehn Minuten, die uns der Weg bis zur 55. Straße gekostet hätte. Und so zerrte sie mich in das nächstbeste Lokal, an dem wir vorbeikamen, ein ekelhaft teures italienisches Restaurant, geschmacklos dekoriert mit Spiegeln, gefüllt mit einer sinnlosen Menge von Kellnern im Smoking aber bloß wenigen eingeschüchterten Provinzlern, die an den kleinen Tischen saßen. Es war der Punkt, an dem ich für wenige Minuten die Kontrolle über sie verlor, und genau deshalb fand ich mich wenige Stunden später in der Süd-Bronx wieder.
Ich ging mit ihr in das Restaurant. Sogar, obwohl ich sehr strikt in meinen Beziehungen zu Frauen bin und sie normalerweise nicht mich herumstoßen lasse, ging ich, ging ich gegen meinen Willen. Eine vorübergehende Schwäche.


Sie bestellte alles, was ihr unter die Augen kam und die Hälfte ihres Essens wurde unberührt abgeräumt. Ich habe es immer für beschämend gehalten, einer Frau Grenzen zu setzen, und es wäre dumm gewesen, ihr Vorwürfe zu machen: Die schöne Votze war betrunken und wir machten »einen Zug durch die Gemeinde«. Ich hatte keine Lust, ihr zu erklären, daß ich nicht so viele Dollars übrig hatte und daß mir in diesem Restaurant niemand französische Francs wechseln würde — zumal sie in ihrem Zustand kaum fähig gewesen wäre, überhaupt etwas vom Wechselkurs des Franc zu verstehen. Wie sich herausstellte, passierte nichts Schreckliches: nach meinen Berechnungen hatte ich genug amerikanisches Geld, und falls nicht, mochten die Italiener den Rest eben in Francs nehmen — Na und? Aber für eine krankhaft stolze Person wie mich konnte es unangenehm sein, den Maître herbeizurufen und Entschuldigungen zu stammeln. Ich dachte mit Widerwillen daran, daß er oder jemand anders, etwa der Geschäftsführer, aus bloßem männlichem Neid heraus froh über die Gelegenheit sein würde, mich als den Eigentümer dieser blühenden Votze ein wenig zu erniedrigen. Ich würde mich mehrmals entschuldigen müssen. Ich hatte deshalb eine Wut auf die Votze, die in dem Moment gerade einen Schluck von dem italienischen Wein nahm, den sie von Zeit zu Zeit gegen den doppelten Scotch tauschte, den sie bestellt hatte, als sie auf dem Stuhl zusammengesackt war. Ich trat sie unter dem Tisch.
Ich hatte genug Geld. Es war sogar noch etwas übrig. Drei Dollar. Aber ich war stinksauer. Ich würde die Rechnung bezahlen — man soll nicht denken, daß ich knauserig bin. In der Tat hatte ich an dem Tag über hundert Mäuse für sie ausgegeben. Was mich ärgerte, war die Tatsache, daß der besoffene Wille jener Votze in der Blüte ihrer Jahre sich mir gegenüber durchgesetzt hatte. Ich hasse es, wenn andere Leute für mich entscheiden, wohin ich gehe und was ich tue. Ja, wie ein völliger Egoist und wie eine dominante Persönlichkeit. Ein anderes Mal, wenn ich nicht so genervt wäre, hätte ich ihr die Situation und ihre glückliche Lösung ruhig erklärt. Ich scheue es nicht, meine finanziellen Probleme mit Frauen zu diskutieren. Ich bin nach wie vor stolz darauf, daß ich ein Schriftsteller bin und das ich jeden Tag kämpfe, um am Leben zu bleiben. Aber ich war wirklich sauer und als sie dann noch ein Taxi rief, nachdem wir aus dem Restaurant gekommen waren, weigerte ich mich, mit ihr zu gehen. Überhaupt nicht, weil drei Dollar offensichtlich nicht genug waren, um zu ihrer Wohnung irgendwo in Washington Heights zu gelangen. Nein. Sie hatte etwas Geld — ihr derzeitiger Geschäftsmann hielt sie aus; ich hatte die Hundert-Dollar-Noten und kleinere Scheine auf ihrem Nachttisch herumliegen sehen — aber die Welle der Verärgerung über diese Blondinen-Votze, die überhaupt kein Interesse für mich oder meine Probleme zeigte, überwältigte mich. An der Ecke Lexington und 64. Straße verabschiedete ich mich barsch und ging.
»Zicke!« Ich fluchte laut. »Verdammte Schmarotzerin!« Ich, ein Schriftsteller, der mit der Armut kämpfte, sollte dafür zahlen, daß sie ihren Wanst vollschlug mit egalwelcher Brühe, die sie wollte. Was war das für ein Mist? Warum sollte sie nicht dafür zahlen? Sie verdient mit ihrem Schlitz viel mehr als ich mit meiner Schreibmaschine. Und wahrscheinlich ist es nicht immer so unangenehm für sie. Sie erzählte mir selbst, daß ihr gegenwärtiger Geschäftsmann-Versorger, obwohl er bloß ein einfacher Tölpel ist, nett zu ihr ist und sich um sie kümmert, und daß er 55 ist und stark und gut gebaut. Warum fragte sie mich nicht, die Hure, ob ich genug Geld hätte? Ich hätte mich geweigert, Geld von ihr anzunehmen, da ich es vorziehe, selbst zu zahlen und es immer tue, aber warum hat sie mich nicht wenigstens gefragt, nicht wenigstens ein bißchen Interesse gezeigt? Warum mußte ich mich selbst demütigen mit meinen Berechnungen, statt mein Lachssteak zu genießen, wie sie es tat?
Ich war auf dem Weg nach Osten zu der Brownstone-Villa meines früheren Chefs, als mir plötzlich einfiel, zu ihr zu gehen, und falls ich jemand anders dort finden würde, würde ich… Hier gestaltete meine Vorstellung eine Szene brutalen Gemetzels, einen schrecklichen Kampf, einen Mord vielleicht, was alles mit der Vision endete, daß ich sie fickte, die aufsässige Hure, ihre Beine unbequem auseinandergerissen auf ihrem bequemen Bett. Und so wandte ich mich ab vom Osten, ich machte mich unverzüglich auf den Weg nach Westen — zur 59. Straße und Columbus Circle, um den Zug zu ihrer Wohnung zu nehmen. Diese Hündin. Um meine Gier zu befriedigen.


Das war das erste und das letzte Mal, daß ich nach ihrem Washington Heights mit der U-Bahn fuhr. Die Station war natürlich stickig, dreckig, abstoßend und dunkel. Voller Gesindel, meistens schwarz, und anderem menschlichen Abschaum, einschließlich der Geisteskranken, der Bößwilligen, der Armen, einer gewissen Anzahl, die nicht böse, aber entstellt waren und vielen Leuten, die ärmlich oder stumpfsinnig gekleidet waren. Schließlich schien es mir, jemandem, der gerade aus Europa zurückgekommen war, nach einem Jahr fern von diesem typisch unglückseligen New Yorker Maskenball, als wäre ich die ganze Zeit umzingelt von einer Bande von Monstern. Einer Masse von Monstern.
Es war bereits nach ein Uhr morgens, und bloß meine Bosheit gemischt mit Gier sowie die Schlüssel zu der Wohnung meines verreisten Freundes in der Tasche ließen mich da stehen, in jenem übelriechenden Schacht, und auf den Zug warten. Schließlich lief er vor zwei Uhr mit einem Godzillagleichen Getöse ein. Ich hatte im Verlauf des Abends elf oder zwölf Bloody Marys und mehrere Flaschen Wein und vielleicht noch was zwischendurch, woran ich mich nicht mehr erinnere, getrunken, und war, wie man verstehen kann, in einem etwas exaltierten Zustand. Ich war nicht betrunken, aber ich dachte nicht mehr klar, mehr meinem Gefühl als meinem Verstand folgend.
Ich verließ den Zug ungefähr 25 Minuten später an der — ja, an der 175. Straße. Aber als ich aus dem pißfleckigen U-Bahnschacht auf die Straße trat, erkannte ich nicht, wo ich war. Das Haus meiner Freundin lag in der Nähe der U-Bahnstation, und obwohl ich, wie ich schon sagte, nie mit der U-Bahn dorthin gefahren war, kannte ich die Umgebung mehr oder weniger. Aber hier war es die falsche. Die falsche Landschaft, die falschen Gebäude, die falschen Umrisse, alles vollkommen falsch. Viel dunkler und schlimmer.
Ich hob meinen Kopf und betrachtete das Straßenschild. »175. Straße Ost«, sagte es. »Ah«, dachte ich, »175. Straße Ost; was ich brauche, ist die 175. Straße West. Stacey wohnt gleich am Hudson und der Washington-Brücke, also heißt das 175. West.« Irgend eine große, dunkle Straße überquerend, machte ich mich auf den Weg in die Richtung, in der ich nach meiner Berechnung vielleicht die 175. Straße West finden würde.
Ich hatte zu meiner Zeit fünfeinhalb Jahre in New York gelebt. Ich dachte, alles über die Stadt zu wissen; ich hatte sie kreuz und quer zu Fuß durchlaufen, wenigstens dachte ich das. Aber ich hatte mich verirrt.


Am nächsten Tag, als ich mir eine Karte von New York ansah, sah ich, wie dumm und übermütig ich gewesen war. Auf der Höhe der 175. Straße waren Osten und Westen meilenweit voneinander entfernt. Und wie ich jetzt weiß, waren das Meilen zerstörter Wohnblocks. Meilen aufgegebener, unbewohnter oder kaum bewohnter ausgebrannter Gebäude mit zerbrochenen Fenstern. Vor mir lag, wie sich zeigte, Stalingrad 1943. Und nichts argwöhnend befand ich mich, ich, ein ehemaliger Dieb und zum Schriftsteller gemauserter Räuber, ein kräftiger Kerl mutigen Ganges, mit weißem Jackett bekleidet und einem Haufen Geld und Papieren mit mir, mitten in der Kriegszone. Du kannst so hart sein, wie du willst und eine kriminelle Vergangenheit oder sogar eine kriminelle Gegenwart haben, aber dich in einem weißen Anzug und weißen Schuhen dort wiederzufinden, wo ich mich befand, als ich aus der U-Bahn kam, und dich eine Stunde später in der Süd-Bronx zu verirren, das würde kaum in deine Pläne passen. Sogar mit einem Revolver würdest du dich in einer solchen Gegend kaum sicher fühlen. Was nützt einem ein Revolver, wenn sie bloß einen Ziegel nach dir zu schleudern brauchen? Und ich hatte nicht einmal ein Messer bei mir. Ich hatte es an diesem Morgen, bevor ich Stacey traf, geschafft, in der Stadt zur Einwanderungsbehörde zu gehen, weshalb ich auch alle meine Papiere bei mir hatte; da ich natürlich verschlafen hatte, vergaß ich in der Hektik, noch zur Einwanderung zu gelangen, das französische Geld aus dem Paket zu nehmen.
Ein rußiger, übelriechender Windstoß fuhr mir unter das Jackett. Es war nicht dunkel, da der Mond aufgegangen war, aber die Nacht war düster, und die Gegend war vollkommen öde, obschon von Zeit zu Zeit eine starke Bö plötzlich eine zerrissene Zeitung oder auch eine Cola-Dose um eine Ecke wehen oder eine Flasche herumrollen mochte. Zuversichtlich hüpfte ich die Straße entlang, von der ich zu dem Zeitpunkt noch glaubte, daß sie in Richtung Westen führte. Ganz plötzlich war sie zu Ende, mündete in eine andere Straße, die sich weiter vorne und nach links in der Dunkelheit verlor und leider hatte sie keine Nummer, obwohl sie durchaus einen Namen hatte. Ich beschloß, ihr zu folgen, auch wenn ich besser daran getan hätte, zurück zur U-Bahn zu gehen, zu meiner eigenen Rettung. Oft verstehen wir die Bedeutung unserer Handlungen nicht, bis wir die Konsequenzen sehen. Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Die Folgen würden sich bald einstellen.


Eine halbe Stunde später war mit alles klar. Die bewohnten Gegenden hatten vollkommen geendet, und ich ging nun in eine unbekannte Richtung, vorbei an Gebäuderuinen, aus deren Eingängen Haufen zerbrochener Ziegel, angekohlte Möbel, Abfall und gewisse schlecht bestimmbare Bruchstücke von etwas, das verdächtig nach zerstückelten Körpern aussah, auf dem Gehweg zu einer übelriechenden Masse zusammenflössen. Ständig knirschten die Scherben unter den Absätzen meiner weißen Oscar Wilde Designer Schuhe. Lumpen, Konservenbüchsen, Flaschen, die Knochen von Tieren… »und womöglich auch menschliche«… dachte ich mit einem schwarzen Humor, der sogar mich überraschte.
Das Meer von Schutt ließ bloß einen schmalen Teil des Gehweges frei für Fußgänger. Aber es gab natürlich keine Fußgänger. Vielleicht waren das ihre Knochen, die weiß im Abfall glommen.
Gelegentlich hörte ich den Klang von Musik von irgendwo in den Ruinen, mehrere Male erreichte mich der Lärm von Streiterein und lautes Lachen aus den anscheinend unbewohnten Kästen, und mehrmals sah ich in ihnen Lagerfeuer brennen, aber das erste Mal, daß ich wirklich Angst bekam, war, als ich die dunkle Gestalt eines Mannes erblickte.
Unwillkürlich seufzte ich aber vor Erleichterung; der Schatten war nach vorne gekrümt, ein Mann, auf einen Stock gestützt, ein alter Mann. So eigenartig es klingen mag: Der alte Mann führte einen Hund in einer Senke spazieren, die mit Sand und Abfall gefüllt und hier und da von dem dunklen, zähen Gras aufgegebener Plätze überwachsen war — eine Senke, die an einen Krater erinnerte, den die Explosion einer fürchterlichen Bombe geformt hatte, oder an eine Grube, die man vor langer Zeit für einen Neubau ausgehoben und dann vergessen hatte. Der Alte-Mann-Schatten starrte mich an — ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber mit Sicherheit sah er mich an, ein Gespenst in weiß. Ich dachte, er würde einige von den anderen Alten, oder noch schlimmer: nicht so alten Männern zu Hilfe rufen, und sie würden sich um mich kümmern.
Und dann tat ich etwas, was ich von mir selbst nie erwartet hätte. Ich legte mein Päckchen auf einen Ziegelhaufen, drehte mich zu dem alten Mann, machte meine Hose auf, holte mein Glied heraus und begann gemächlich zu pissen. In einer ausführlichen und zeremoniellen Weise bewässerte ich die Einöde jener von Menschen gemachten Wüste direkt vor einem Eingeborenen.
Jetzt ist mir klar, daß ich mit brillanter Einfachheit handelte; mit einem hundeähnlichen Instinkt. Auf der einen Seite war dem alten Mann klar, daß ich weder ihn noch sonstwen in der Nähe fürchtete, da ich ruhig pißte. Und auf der anderen Seite war der einfache Akt, meine Blase zu leeren, freundlich und friedlich, als ob ich mit dem Schwanz den alten Mann anwedelte.
Schließlich machte ich meine Hose zu, nahm mein Päckchen und setzte langsam meinen Weg fort, wobei ich meine Lage überdachte. Es sah ziemlich mies aus. Ich befand mich in der gefährlichsten Ecke von ganz New York, und in meinen weißen Klamotten war ich vollkommen wehrlos. Ich würde mir irgendeine Verhaltensstrategie ausdenken müssen. »Wenn du, Edward, durch diese leeren, dunklen Straßen rennst, wird irgendjemand dich sicher sehen und wird an deiner Hast erkennen, daß du dich fürchtest und nicht hierher gehörst, und wird dich entweder ermorden oder ausrauben, oder wer weiß was noch. Sie werden dir deinen Arm, dein Bein oder dein Glied abschneiden. Was auch immer den Eingeborenen dieses steinigen Landes durch den Kopf geht — und was sogar die Fassungskraft eines Maquis de Sade übersteigt — sie sind fähig, es zu tun — nach einer einfachen, angenehm anregenden Fünf-Minuten-Jagd«.
Wie ein erfahrener und praktisch veranlagter Soldat kam ich zu dem Schluß, daß das Vernünftigste, was ich tun konnte, war, ohne Hast zu laufen, um den Eindruck zu erwecken, daß ich dort geschäftlich unterwegs war. »Wer verdammt weiß schon«, dachte ich, »vielleicht bin ich ein Mafioso, der hier zu seinem Vergnügen entlangläuft, und um die Ecke wartet ein Auto auf mich. Oder vielleicht…« Aber mir fiel nichts anderes ein, und so hörte ich bei dem Bild von dem Mafioso auf, der herkommt, um ein Geschäft zu machen: 20 Kilo Heroin gegen eine entsprechende Menge Geld — Millionen von Dollars in kleinen, abgegriffenen Scheinen.
Es war lächerlich, aber es beruhigte mich. Wenn schon nicht hundert- dann wenigstens fünfzigprozentig. Und falls ich auf andere zweibeinige Menschen-Ungeheuer in den Ruinen stoßen würde, würde ich diese Begegnung wie ein Fürst austragen. Ich schlenderte da entlang in jener entspannten, fast koketten Weise, wobei mein Bündel hin- und herschwang. Ich erinnerte mich dann, daß ich früher in New York häufig für einen Italiener gehalten worden war, und in dieser Rolle stolzierte ich über die Glasscherben, als kennte ich jeden Stein und hätte vor, mich durch einen dunklen Spalt in der Mauer des nächsten ausgebrannten Hauses zu schwingen, wo meine Männer auf mich warteten, bis an die Zähne bewaffnet. Die Schatten der Eingeborenen glitten vorbei, wobei sie nicht einmal einen flüchtigen Blick auf mein weißes Jackett warfen. Vielleicht dachten sie auch wirklich, daß ich ein Mafioso war, oder auch ein Marsmensch, oder womöglich Bürgermeister Koch.


Das Hauptproblem war nun, nachdem ich mich genügend beruhigt, und, gemäß der Stanislawsky-Methode, mich selbst davon überzeugt hatte, daß ich tatsächlich der Mafiosi Limonow war, capo di tutti von allen anderen Mafiosi, das Hauptproblem war, herauszufinden, in welche Richtung ich gehen mußte. Es war unmöglich, stehen zu bleiben: Ich konnte aus hunderten ausgebrannter, scheibenloser Fenster beobachtet werden. Aus diesem Grund ging ich langsam, wobei ich versuchte, meiner Bewegung einen Anschein von Gewohnheit zu verleihen, auch wenn das nur bedeutete, daß ich versuchte, ziemlich genau in eine Richtung zu gehen. Einmal, als ich die Häuser plötzlich hinter mir gelassen hatte, tauchte vor mir eine zusammengebrochene Steinbrücke auf, die starr hinaufreichte zu einem unbenutzten Gewirr von Tunneln, und ich, der reine und furchtlose Ritter Limonow, ich sprang in jenes Durcheinander aus Stein und Metall. Es schien mir, als wüßte ich, wo ich war, nämlich daß vor mir die Cross-Bronx-Stadtautobahn lag.
Vielleicht war sie das wirklich, aber als ich die andere Seite erreichte, fand ich genau das gleiche wieder — ein düsterer Anblick zerstörter Steinkästen, die in der Entfernung verschwanden, und ich setzte meinen Weg durch den größten und breitesten steinernen Schacht fort, in der Hoffnung, daß er irgendwo hinausführen würde. Irgendwo, wo Menschen wohnten. Ich fühlte, daß ich mich tatsächlich der Westseite näherte, aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl: Ich war ein Soldat während eines Angriffes auf offenem Feld und ohne eine Deckung. Die Zufallschancen des Fliehenden: Wird er getötet oder nicht? Aus der Entfernung sah ich, als geschähe es wirklich, wie mein weißes Jackett diese Straße des Teufels entlang sauste und mit ihm mein eigener, verwundbarer Rücken.
Ich bin gerade etwas ungerecht dieser unvergeßlichen Landschaft gegenüber. Ich sollte erwähnen, daß ich verschiedene Male an Häusern vorbeikam, die so aussahen, als ob sie teilweise bewohnt waren. In der Nähe von einem sah ich sogar mehrere kleine Bäume mit einem verdächtig gepflegten Aussehen. Aber der einsame Reisende zog es vor, nicht an die wenigen unzerbrochenen Scheiben zu klopfen, dunkel ahnend, daß es bestimmt nicht die besten Leute waren, die in diesem Steindschungel lebten und es geschafft hatten, ihre Fenster unversehrt zu halten. Eher würden es die Stärksten sein, die das konnten. Und es waren tatsächlich die Stärksten, die ich fürchtete.
Mit einem Mal hörte ich das Brummen eines Autos hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen Polizeiwagen auf der anderen Straßenseite herankommen. Ein langsam fahrender Polizeiwagen. Von da an war plötzlich der Duft von Mai, denn es war Mai, von Mai und Leben zu spüren. Ich dachte an die Reise nach Griechenland, die ich vielleicht machen konnte, wenn der Franc plötzlich wieder steigen sollte. Und ich rannte über die Straße zu dem Polizeiwagen, winkte grüßend mit den Armen…
Nein, sie hielten nicht an. Sie gaben Gas. Ich realisierte, daß dies vielleicht das einzige Schiff war, das jemals an mir Schiffbrüchigen vorbei segeln würde. Ich wußte, daß ich nichts zu verlieren hatte, und ich begann zu schreien. »Polizei, Polizei!« Aber ihre Lichter verschwanden um die Ecke.
Ich dachte damals nicht über die Gründe nach, die jene Hüter des Friedens veranlaßten, nicht zu halten auf den Zuruf eines Mannes im weißen Anzug um vier Uhr morgens auf einer kleinen Straße in der Süd-Bronx. Vielleicht erkannten sie, daß ich kein Mafiosi war; und sie waren neugierig zu sehen, was geschehen würde: Würden die Eingeborenen diesen Intellektuellen, der wie ein Schwuler gekleidet war, sich vornehmen, oder würde er bis zum Morgen überleben? Die Kerle spielten ein Experiment durch, um einmal mehr den Grad der Kriminalität in ihrem Viertel zu ermitteln. Es ist ebenso möglich, daß die Polizei in Übereinstimmung mit mir beschlossen hatte, daß ich ein Mafioso war und sich davongemacht hatte aus Angst vor irgendeinem Trick, etwa, daß ich eine Granate auf sie schleudern würde. Aber ich war damals noch nicht zugänglich für Gründe.
Ich hatte sogar noch, als der Polizeiwagen die Kurve kratzte, eine Idee, wie ich mich retten konnte. Ich beschloß, ein Telefon zu finden und ein Taxi zu bestellen. Ich hatte eine leise Ahnung von der vollkommenen Unwirklichkeit meiner Idee, aber ich wollte leben. Ich setzte daher schnell mein Vertrauen auf das Telefon und das Taxi. Und ich begann bereits darüber nachzudenken, wieviel ich dem Fahrer in Francs zahlen mußte. Dreimal soviel? Jeder wußte, daß der Franc am Fallen war, und außerdem würde der Fahrer eine gewisse Zeit vergeuden müssen, um die Francs in Dollars zu tauschen, und ich stellte das in Rechnung. Aber der Mensch ist ein schreckliches Ungeheuer, sogar in Zeiten der Gefahr. Ich würde in meiner Großzügigkeit keinesfalls mehr als »das Dreifache« zahlen.
Ich versuchte, ein Telefon zu finden in dem Gelände mit jener plastischen Aussicht, die wie von der Hand de Chiricos gezeichnet schien, wenn auch von einem ungewohnt düsteren Chirico. Unglücklicherweise ist es selbst in den normalen Teilen Manhattens manchmal schwer, ein Telefon zu finden, das funktioniert, während es hier natürlich besonders viel Zeit brauchte, Fortuna mich anlächeln zu lassen. Der verzauberte Wanderer in weißen Schuhen war bereits eine halbe Stunde gelaufen, die Glasscherben knirschten unter den Füßen, als plötzlich — eine Bar, eine offene Bar! Ich rieb meine Augen. Nein, es war keine Fata Morgana, sondern eine Bar mitten in den Ruinen.


Der Wanderer konnte ein ganz ansehnliches Glas Scotch für seine drei Dollar bekommen, sogar zwei Gläser, zumal das keine Bar an der Fifth Avenue war, aber er ging nicht hinein; er ging darum herum, als wäre es eine Brutstätte der Pest, und bloß, weil er falsch gekleidet war — wie ein weißer Engel — zu einer Zeit, in der die Eingeborenen eine ganz und gar andere Mode befolgten. Als er um die Bar herumgegangen war, sah der Wanderer am Rand des Gehwegs ein überdachtes Telefon. Und es funktionierte. Der Hörer stank nach Kotze, natürlich, aber eine Verbindung zur Welt war hergestellt. »Guten Morgen«, sagte der Operator. »Kann ich ihnen helfen?«
Ich telefonierte dreimal — drei Siege — und erwartete jedes Mal, daß ich nicht bis zum nächsten Mal überlebte, daß jemand plötzlich aus den Ruinen auftauchen würde und mich gleich dort abstechen würde. Leise und umstandslos. Ich wußte, daß diese Leute die unangenehme Angewohnheit besaßen, Fremde selbst für drei Dollars zu ermorden.
Nach der Begrüßung gab der Operator mir gleich zwei Nummern, unter denen ich ein Funktaxi erreichen konnte. Ich wählte eine von beiden, und eine heisere, energische Stimme sagte mir, nachdem sie mir wieder einen guten Morgen gewünscht hatte, daß man mich abholen würde. »Wohin?« fragte sie. Ich sagte, sie sollten mich zur 58. Straße Ost fahren. Ich wollte nicht mehr nach Washington Heights — zur Hölle mit ihnen, diesen Huren. Sogar ihre ruhige, jüdische Bevölkerung passte mir nicht. Nach dieser unheilvollen Allerheiligen-Party, der ich von zwei bis fünf Uhr ausgesetzt war, wollte ich mich bloß fallen lassen in der Atmosphäre des Stadthauses des Millionärs, in einem Haus, das sauber und schön war, und untertauchen in dem weißen Upper-Class Bett in dem Gästezimmer, das für mich in der vierten Etage reserviert war.
Als mich die Stimme fragte, wo ich wäre, sagte ich ihr, daß ich auf der Straße wäre, und falls sie eine Minute warten würde, würde ich nachsehen, an welcher Ecke ich mich befand. Ich ließ den Hörer hängen, sah nach und verstand augenblicklich, daß kein Taxi hierherkommen würde, zur Front. Keinesfalls. Aber natürlich ging ich zurück zum Telefon und sagte der Stimme, daß ich an der Kreuzung 146. und White Street, nicht weit von der Jerome Avenue wäre. Und erst jetzt verstand ich vollkommen, daß ich mich im innersten Herzen der Süd-Bronx befand, und daß es keinen schlimmeren Platz gab.
Die heißere Stimme zögerte fast unmerklich, dann gewann sie mit professioneller Routine die Kontrolle wieder und sagte, ein Taxi würde in zehn Minuten dasein. Aber ich wartete noch eine halbe Stunde und schlich mich vorsichtig in die Ruinen. Dort setzte ich mich auf mein Päckchen an eine Stelle, von wo aus ich die Straße sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden und wartete.
Eine halbe Stunde später telefonierte ich noch einmal. Obwohl es hart war, ließ ich mich die grünäugige Stacey anrufen. »Ja?« antwortete ihre schläfrige Stimme langsam; sie wälzte sich herum. »Ich bin es« sagte ich.
»Wo bist du?« fragte sie träge.
»An der Ecke der 146. und White«, sagte ich. »Ich habe mich verirrt.«
»Komm her, wenn du willst«, sagte sie und wälzte sich langsam wieder herum. Sie mochte es, ganz eingewickelt in Decke und Laken zu schlafen, so daß die ovale Form ihres prächtigen Arsches deutlich zu sehen war.
Ich legte auf und ging weiter durch jenen mir schon bekannten Schrecken, in welche Richtung auch immer meine Augen mich führten. Ich hatte sie angerufen, weil ich sie bitten wollte, ein Taxi zu nehmen und mich an der Ecke 146. abzuholen, aber ich war so abgestoßen von ihrer übersättigten Hurenart, von ihrer schläfrigen Stimme und sogar von der Tatsache, daß sie ihren Körper verkaufte, obschon ich das früher gemocht hatte… jedenfalls fragte ich sie nicht. Früher, wenn ich bei unseren Liebesspielen an ihren milchweißen kleinen Händen die ledernen Handschellen mit den Ketten befestigte und ich sie fickte, während ich ihren hilflosen Körper peitschte, früher dachte ich tatsächlich, ich war sicher, daß ich sie gebrauchte, grob und grausam gebrauchte, um meinen eigenen sexuellen Hunger zu stillen. Aber jetzt sah ich, daß sie es war, die mich gebrauchte, wobei sie offensichtlich nicht einen einzigen Gedanken an mich verschwendete, während sie es tat. Ich war es, der ihr diente, der Hündin!
Vielleicht kam es von dem Haßausbruch, aber plötzlich hatte ich Glück und gelangte an eine U-Bahnlinie. Ich ging die Stufen zum Bahnsteig hinunter und kam in die Station, die aussah wie eine scheußliche Scheune. Ich war nicht einmal besonders glücklich, daß ich sie gefunden hatte.
Ein weißer Latino reparierte gerade ein Drehkreuz und hatte es von seinen Verankerungen abgenommen. Ich fragte ihn, wie ich zur 58. Straße Ost käme. »Wie kommen sie hierher, Mann?« fragte er und legte seine Schraubenzieher und sichelförmigen Schraubenschlüssel nieder und betrachtete mich, einen weißen Engel, mit Verwunderung.
Ich erklärte ihm, daß ich den falschen Zug genommen hätte. Ich hätte nach Washington Heights fahren wollen, aber… Kurz, ich erzählte ihm meine Geschichte mit ein paar Worten.
»Und sie sind von der 175. Straße Ost hierher gelaufen?« rief er aus. »Glück gehabt.«
Nachdem ich mehrmals die Züge gewechselt hatte, erreichte ich schließlich vollkommen erschöpft bei Tagesanbruch das Haus des Millionärs und öffnete die Tür mit meinem Schlüssel. Ich ging gleich in die Küche, nahm mir ein Fünftel J & B von der Bar und ein Glas und ging nach oben in den TV-Raum im zweiten Stock. Da legte ich die erste Videokassette ein, die ich fand und begann, mir Yellow Submarine von den Beatles anzusehen.
Aber ich konnte es nicht lange aushalten; die zu großen Portionen Liebe, die der Film auftischte, waren ungewohnt anstößig für mich und ich schaltete ab. »Liebe, Liebe« dachte ich, »es mag in Ordnung sein für Leute mit Millionen, von Liebe zu schwindeln, sich vom Rest der Welt mit Liebe und 10 Prozent Barmherzigkeit abzusondern. Liebe — weder die Bewohner der Süd-Bronx noch ich mit meinen 21.000 Francs können sie uns leisten. Ich ficke eure Liebe.« Und nachdem ich die Flasche ausgetrunken hatte, schlief ich auf dem Sessel ein.
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Tags: deutsch, бумажные издания, переводы, тексты Лимонова
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