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Edward Limonow // "Krachkultur", #13, 2010

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MUSSOLINI UND ANDERE FASCHISTEN
Aus dem Russischen von Barbara Lehmann und Aleksej Khairetdinov

Das erste Teil

Ich aß gerade meinen Reis mit polnischer Wurst auf, da erschien Mussolini. »Mailänder!«, schrie Mussolini. Graue Bartstoppeln, Boxerface, schwarzes Hemd. Er hielt sich am massiven Balkongitter fest. »Mailänder, ich bin zu euch gekommen, um euch zu sagen«, Mussolini fasste mit hartem Griff das Geländer und hievte es an sich heran, »ganz Italien schaut auf euch!«

Ein Frösteln überlief meinen Nacken und die Schultern, ich hörte auf zu kauen. Mussolini und mit ihm ganz Italien schaute auf mich. Ich schmiss die Gabel hin, sprang auf und lief im Zimmer rum. Die schweren Pranken Mussolinis rissen mich mit dem Balkongitter mit, und ich landete auf dem Boden. Die begleitenden Kommandeure auf dem Balkon wippten mit den Troddeln an den Fezen. Die Flaggen schwollen an, Kanonen und Panzer rollten los. »Faccetta nera, bell'abissina…« Junge, gut gelaunte Faschisten überfluteten die Piazza.

Sofort mischte sich der Fernsehkommentator ein. Die lassen dich nie allein mit alten Filmaufnahmen. In der Demokratie erzählen sie dir immer, was gut und was schlecht ist, damit nur keiner durcheinander kommt. Der Kommentator sprach über die aggressive faschistische Expansionspolitik, doch die Faschisten waren so jung und so fröhlich, echt! ― keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so viele glückliche und starke Menschen zusammen auf einem Platz gesehen hatte. Um den Eindruck zu vermiesen, quatschte der Kommentator irgend so einen Scheiß über die Liparischen Inseln, auf die Mussolini schon früh seine Feinde verbannt hatte, wo man ihnen angeblich Rizinusöl einflößte, wovon der Mensch austrocknet wie eine ägyptische Mumie. Doch die Mumien wurden nicht gezeigt, offensichtlich gab es davon keine Aufnahmen mehr. Und sogar dieser Film, der zweifellos für Propagandazwecke angefertigt worden war, zeigte nur kräftige Arme, fröhliche Fratzen, flinke Bewegungen. Immerhin, den Amis war es bei diesem Zusammenschnitt einer Menge von Paraden gelungen, die Eitelkeit des Faschismus herauszustreichen.

An der Tür klopfte es dreimal. Ich machte auf. »Eddi, hast du Zigaretten?«

Mein Nachbar Ken war in einem durchaus passablen Zustand. Gestutzter Bart. Neue Brille. Die Suffphase war vorbei, nun entlud er Obst für den A&P Supermarket von nebenan, verdiente Dollars, um seine Schulden zu zahlen, die sich während des Suffs angehäuft hatten.

»Komm rein«, bot ich an.

»No, thanks, ich hab eine Frau bei mir.«

Er lächelte. Ein großer schwarzer Mann.

Wenn man mir damals mit elf gesagt hätte, hör mal, Kleiner, in zwanzig Jahren bist du in New York, auf dem Upper Broadway, als einziger Weißer unter lauter Schwarzen, du rauchst Gras, säufst mit dem schwarzen Ken, und dein schlimmster Feind ist ein Assistant Manager, der Mexikaner Peres ― dann hätte ich über den doofen Scherz lang und traurig gelacht. Als ich elf war, habe ich den ganzen Tag aus der Wohnung meiner Eltern auf einen einsamen Baum geschaut, der neben dem Telegraphenmast am Rande der staubigen öden Straße, genannt Poperetschnaja, also Querstraße, stand, und mit Entsetzen gedacht, dass ich diesen Baum mein ganzes Leben lang anstarren werde. Doch es kam anders. Schon mit elf regte sich etwas in mir, dann wieder mit fünfzehn, und später, als ich dann gar nicht mehr an diesen Baum in der Saltowski-Siedlung gedacht habe, wurde mir schlagartig klar, dass der Baum weg war und ich seit langem in einer anderen Welt lebte, mein drittes, mein viertes Leben. In der Welt von Erich Maria Remarque zum Beispiel: Als Junge las ich seine »Drei Kameraden«, so wie andere »Die Schatzinsel« lesen, hingerissen von dieser fremden Exotik. Und du, staubiger Baum am Rand eines Fußwegs irgendwo in der Ukraine, der sich später zu einer Straße mauserte, lebst du noch? Ich weiß nicht mal genau, was für ein Baum du warst. Ich erinnere mich gerade noch an den grauen Stamm und die staubigen Blätter. Klein warst du, von uns gesetzt, den Einwohnern des Hauses Nr. 22. Ich sehe noch unsere Gärtnermannschaft: meinen Vater, den Hauptmann in der Uniformhose des Innenministeriums und in alten Stiefeln, und mich, in blöden Trainigshosen, Onkel Sascha Tschepiga, den Elektriker, leicht angeduselt, und den Sohn von Onkel Sascha, Witka, einen mürrischen Jungen von vier Jahren. Onkel Sascha hielt den Setzling so ungeschickt, dass seine Wurzeln die Wände der Grube streiften, und mein Vater kniete sich nieder und warf mit den Händen die Erde drauf.

»Cigarettes.« Ken wedelte mit seinen langen schwarzen Fingern vor meiner Nase herum. »Hallo, hier, wo bist du gerade?«

Ich gab ihm drei Zigaretten. Auch für die Frau.

»Vielen Dank«, sagte er. »Hast du dir einen Hund angeschafft, Eddi?«

»Nein, wieso?«

»Wen fütterst du dann da unten?« Er wieherte los und zeigte auf meinen Teller am Boden, mit dem Reis und den Wurstresten drauf.

»Mich selbst.« Ich fiel in sein Lachen ein. »TV dinner«, rechtfertigte ich mich.

Mussolini war fünf bis sieben Minuten verschwunden, dann tauchte er als ein alter Mann wieder auf, in einem übergroßen Ledermantel. Hitler schickte Oberst Otto Skorzeny, um Mussolini aus den Klauen der Feinde zu retten. Skorzeny führte den Befehl aus. Hitler, leicht gebeugt und müde, klopfte dem aus dem Flugzeug steigenden Mussolini auf die Schultern und schnitt eine ermunternde Grimasse, nach dem Motto: »Welcome home, old silly boy.« So einen Freund hätte ich auch gern gehabt.

Doch im Film ging es eigentlich nicht um Mussolini, sondern um Italien. Deshalb zeigten sie noch eine halbe Stunde lang die ruhmreichen Truppen der Alliierten, die in Sizilien gelandet waren, und die italienischen Huren, die sich für Schokolade, Nylonstrümpfe und Penicillin an die amerikanischen Soldaten verkauft hatten. Dieser schwunghafte Handel wurde von New Orleaner Jazz untermalt. Am Ende des Films zeigten sie zehn Leichen, die sich dicht nebeneinander auf dem Boden stapelten. Das engagierte Volk spuckte auf die Leichen und trat sie mit den Stiefeln. Als sie Benito und seine Freundin Clara Petacci entdeckten, hängten die Partisanen sie an den Beinen auf. Der Kommentator verkündete schadenfroh, dies wäre das unrühmliche Ende des faschistischen Diktators gewesen. Amerikanische Siegesmusik erklang. Das Volk, wie immer prinzipienlos, heulte froh auf.

Ich war auf der Seite Benitos. Für das Volk hatte ich nie Sympathie. Liebedienerisch, enthusiastisch hatte das Volk vor nicht mal einer Stunde am Anfang des Films unter dem Mailänder Balkon aufgeheult vor lauter Begeisterung, seinen göttlichen Cäsar zu erblicken. Jetzt, wo der Cäsar als ein Stück Fleisch abhing, wie ein abgehäuteter Eber in einer Metzgerei, tot und ungefährlich, waren die Schakale so kühn, sich ihm zu nähern. Ich stand vom Boden auf, schenkte mir aus einer Gallonenflasche kalifornischen Chablis ein und trank auf den Seelenfrieden des Diktators. Dies war mein stiller, friedlicher, einsamer sozialer Protest.

Ich war im April ins Embassy gezogen. Koch, der Besitzer vom Winslow, wo ich früher gewohnt hatte, wollte das Winslow verkaufen, eines von zweiundvierzig großen Objekten, die ihm in Manhattan gehörten. Uns, den Bewohnern, wurden Formulare übergeben mit der Aufforderung, das Gebäude zu räumen. Wir hatten zwei Monate Zeit. Die Bewohner beschlossen zu protestieren, beriefen eine Versammlung ein und nahmen sich vor, einen Anwalt aus der Civil Liberties Union zu beauftragen, der sie vor der von Koch eingesetzten mächtigen Kanzlei Sholz, Rosengrant & Lempke schützen sollte. Ich aber, staunend über ihre Naivität, suchte mir ein anderes Hotel.

Ins Embassy, als einziger Weißer unter lauter Schwarzen, war ich zufällig geraten. Am Tag zuvor war hier gerade eine Razzia gewesen, deshalb sah die Eingangshalle an diesem Morgen einigermaßen anständig aus. Nur ein einsamer sauberer Schwarzer telefonierte in der Ecke. Campbell, der Manager, war weiß, ein freundlicher, hoch gewachsener Typ mit Brille. Das Zimmer 1026, das man mir anbot, zeigte zwar nicht zum Broadway, aber auch nicht zum Hof hinaus. Man sah sogar die Columbus Avenue, da alle Gebäude dazwischen niedriger waren als das klassische elfstöckige Embassy. Um das Verführungswerk zu vollenden kam noch eine alte Wanne mit Sprüngen dazu. Ich war einverstanden. Das ganze Vergnügen kostete nur hundertsechzig Dollar im Monat. Sagenhaft billig, auch wenn es für mich sehr teuer war. Mein Verschlag im Winslow mit Blick auf die Madison Avenue kostete mich hundertdreißig. Doch vor dem Embassy war ich schon in zwei Dutzend anderen Hotels gewesen: Die Preise zogen allmählich an, denn die Stadt erholte sich, wenn auch noch verhalten, von der Depression. Ich hinterlegte eine Kaution und sagte, ich würde morgen einziehen.

Das abendliche Embassy bot sich mir am nächsten Tag ganz anders dar. Aus dem Eingang ergoss sich eine grölende Menge Schwarzer, als wir mit dem Auto vorfuhren: Candall, ein Typ aus der Socialist Workers Party am Steuer, daneben Kirill, ich und der Alkoholiker Jan Slobin mit einem Haufen Sachen auf dem Rücksitz. Wir nahmen jeder zwei Koffer und zwei Taschen und ließen Kirill im Auto warten. Er hatte einen schwachen Rücken.

Wir kämpften uns durch die Schwarzen durch und traten in die Halle ein. Aber auch dort sahen wir kein einziges weißes Gesicht. Das Fehlen von Weißen machte mich unruhig, aber ich sagte nichts. Man musste ja cool bleiben, wie alle um mich herum. Doch der bereits angesoffene Jan, weit entfernt vom Coolsein, verkündete lautstark:

»Scheiße, Limonow! Eine super Absteige ist das hier. Überall Neger. Harlem, echt.«

»Halt's Maul«, sagte ich möglichst gleichgültig.

»Mir doch scheißegal. Du musst mit denen leben. Die werden dich hier abmurksen«, lachte Jan auf.

Ich sagte nichts, obwohl auch mir das Hotel heute nicht gefiel. Der rothaarige Candell schwieg vor sich hin und lächelte. Normalerweise war er geschwätzig. Doch wahrscheinlich hatte er jetzt Angst vor dem Hotel, nur konnte er ja nicht eingestehen, dass er seine ausgebeuteten schwarzen Brüder fürchtete.

Wir verstellten mit meinem größten Koffer die Tür des Aufzugs und hievten mein Hab und Gut raus, als aus einem Winkel des Korridors plötzlich eine schweinsähnliche, gut zweihundert Kilo schwere weiße Frau hervorkam, eingewickelt in speckige schwarze Kunstseide. Die Gesichter meines Begleitkommandos hellten sich unvermittelt auf. Eine Weiße. Aha, die leben also doch hier. Die Frau wartete geduldig, bis wir unser Hab und Gut herausgeschleppt hatten, doch als wir uns der 1026 näherten und dabei den schwersten Koffer am Lift einfach zurückließen, schrie die Schweinsähnliche uns hinterher: »Hey, boys, lasst den Koffer hier nicht einfach so rumstehen. Sonst habt ihr gleich zwei.«

»Netter Ort hier, wirklich, Limon«, krächzte Jan. Er war ein Moralist, wie alle belesenen Lumpenproletarier. Und außerdem noch ein depressiver Hysteriker.

»Halt's Maul«, sagte ich. »Wolltest du mir nicht helfen? Dann halt dich zurück, verdammte Scheiße, demoralisiere uns hier nicht. Los, einen Gang noch, dann haben wir es hinter uns und können einen trinken. Im Winslow reißen sie dir auch den Koffer unterm Arsch weg, nur nach fünf Minuten. Das ist der ganze Unterschied.«

Jan reagierte auf das Wort »trinken« wie die Pawlowsche Ratte. Er hatte schon getrunken und wollte mehr. Also hielt er den Mund.

Es waren doch mehr Sachen, als ich gedacht hatte. Die ganze beschissene Operation zur Verfrachtung meiner Siebensachen beanspruchte einige Stunden. Endlich war der letzte Kleidersack auf meinem Bett gelandet, und drei Paar Augen richteten sich auf mich. Die aus der UdSSR mitgeschleppte Tradition schrieb vor, dass ich jetzt eine Runde ausgeben müsste. Schließlich hatten sie für mich gearbeitet.

Allerdings musste ich erst noch ein Mao-Porträt anbringen. Danach briet ich ein paar Pfund polnische Wurst auf der Kochplatte, die ich aus dem Winslow mitgebracht hatte, und wir machten uns über den Wodka her. Nach einer halben Stunde hatte sich Slobin mit allen angelegt, Kirill einen Juden genannt und Candell erklärt, dass Lenin Trotzki als eine »politische Hure« und einen »Judas« bezeichnet hätte.

Er ging dann als Letzter. Genau gesagt, er kroch davon und beschimpfte mich noch wegen meiner »jüdischen Kontakte« und weil ich in ein »schwarzes Ghetto« umgezogen war.

Besoffen, mit roten Flecken auf den eingefallenen Wangen, stieg er in die schwarze Masse der nach unten Fahrenden ein, die Türen des hinfälligen Lifts schlössen sich. Ich ging über das alte blutrote Korridorparkett in meine neue Bleibe zurück.

Ich machte die Glotze an und legte mich schlafen.

Klar, theoretisch weiß man, dass das Leben auch in Auschwitz weitergeht. Nur wird man sich ja nie davon überzeugen können, ob man in Auschwitz überlebt hätte. Auch über das Thema »Wie kann man als einziger Weißer unter lauter Schwarzen in einem Hotel leben« hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber gut, es funktionierte, und ich fühlte mich dabei sogar viel freier als im Winslow. Dort lebten Dutzende sowjetischer Emigranten. Sie fingen mich immer ab, belästigten mich, überfielen mich im Lift, brüllten »Privet!« am Eingang. Ich wollte nicht ihre »Misery« teilen, doch allein schon die Visagen, auch aus der Ferne, vermiesten mir die Stimmung. Meine Schwarzen im Embassy dagegen stöhnten nicht rum, sie schrien, lachten, tauschten ihre Körper und Drugs gegen Dollars ein und waren meistens gut drauf. Von Zeit zu Zeit heulte einer mal los und brüllte rum, aber eigentlich hörte man immer Musik und Gelächter, vor allem aus der Pianobar, die auf den Broadway hinausging.

Natürlich versuchten sie es, an mir ihre schwarzen Tricks auszuprobieren. In jeder Gruppe wird dem Neuen auf den Zahn gefühlt. So ist es bei den Häftlingen in einem Knast, bei den Soldaten in der Kaserne, bei den Kumpels in einem Bautrupp. Aber ich ging ihnen nicht auf den Leim. Dabei half mir nicht nur meine solide sowjetische Erfahrung mit Fabriken und Klappsen, ich war inzwischen ein gerissener New Yorker Wolf: erprobt in Welfare Centers und in beschissenen Jobs. Ein riesiger Schwarzer drückte mich mit seinem Fettbauch gegen die Korridorwand und forderte: »Gib mir ten Dollars, du Milchgesicht.« Ich lachte bloß und knallte ihm die Handfläche gegen den Bauch: »Gib du mir lieber zehn Dollars, Mann! I need it!« Er starrte mich an und lachte mit. Der Arsch kapierte, dass ich keine Angst vor ihm hatte. Und ich kapierte, dass er nicht der Mutigste war. Später hat sich herausgestellt, dass man ihn F-Man nannte, Fat Man. So einen Spitznamen verpasst man keinem harten Kerl.

Die Schwarzen sehen noch das Tier in dir, das haben sie noch drauf. Sie checken deine Bewegungen, das Muskelspiel auf deinem Gesicht. Die kriegen die kleinste Angst in dir mit, da kannst du schauspielern, wie du willst, Whitey, mein kleiner Weißer. Die geringste Unsicherheit, Unterwürfigkeit, Unruhe wird erkannt. Wenn sie merken, dass dir der Arsch auf Grundeis geht, haken sie sich mit ihren Bitten, Befehlen an dir fest, nehmen dir dein ganzes Geld weg, und du gibst alles freiwillig her, deine ganze gute Kleidung, selbst die lahmsten Jungs machen vor deiner Tür ein Fass auf, um den »Weißen« zu erschrecken. Denn diese Tür lässt sich sofort durch den Tritt eines starken schwarzen Fußes durchbrechen. Wenn du schwach bist, schlagen sie dich nicht, geschlagen werden nur die Starken. Die Schwachen, mein lieber Whitey, hackt man zu Tode. »Versohl ihm den Arsch, Joe…« »Give me your T-shirt, Whitey…« »Der will meinen Schwanz lutschen… Ha-ha-ha…« So läuft es. Da lutscht man eben auch einen Schwanz. Mit ihren Schwarzen machen sie genau dasselbe. Es geht also nicht um die Farbe der Haut, sondern um die Farbe der Leber. Ist sie nun grün vor Angst oder nicht? So ein Leben gibt's Tag für Tag an vielen Ecken unseres Planeten. Das ist die gute alte natürliche Auslese à la Darwin, manchmal nur noch verschärft durch den Rassenfaktor. Darum hat sich die Mehrheit, die keine Eier hat, diese ganzen Regierungen, Polizeitrupps und Republiken einfallen lassen, um sich diese natürlichen Demütigungen zu ersparen.

Früher war das Hotel ganz okay. Hohe Decken, ein kräftiger Gebäudekasten wie ein guter Schädel. Doch in den Jahren der New Yorker Rezession kam die Stadt vor die Hunde und verwahrloste. Die Häuser wurden nicht renoviert. Und so, nicht weit vom Lincoln Center, zwei Schritte vom guten Ansonia, wo einst die großen Musiker, ja, die Brüder Gershwin lebten, drei Blocks vom Dakota entfernt, wo sich John Lennon, ohne von seiner Zukunft zu wissen, einquartierte ― dort also existierte so was wie das Embassy. Es schlief einen halben Tag lang und amüsierte sich nachts. Aufgetakelte Pimps mit Brillantklunkern an den dicken Fingern führten ihr Fett in der Halle spazieren. Pushers, die auf den Fensterbänken ihre Proben von Heroin und von anderem für die Einwohner notwendigen Zeugs in winzigen Plastiktütchen ausbreiteten, hopsten um ihre Ware herum. Ein Lahmer namens Baretta, immer im tadellos weißen Anzug, führte seinen schwarzen Pudel mit einem gefakten Brillanthalsband aus. Schwarze Huren mit schweren Vorbauten eilten von der Arbeit nach Hause. Der Manager Campbell öffnete hinter seinem Schalter eine Flasche Bier, die zwanzigste oder dreißigste.

Einmal im Monat wurde die Wäsche gewechselt, wenn wir darauf bestanden. Wenn nicht, dann nicht. Und wenn schon, in hundertsechzig Dollar ist es nun wirklich nicht drin, die Wäsche jeden Tag zu wechseln, oder? Die Wäsche war altersgrau. Ein zerrissener Überzug aus ehemals blutrotem Rips bedeckte mein Bett. Besser, man roch nicht dran, denn an verschiedenen Stellen konnte man die verschiedensten Gerüche aus der Vergangenheit ausmachen: Eine Ecke stank klar nach Scheiße, eine andere nach Kotze, noch eine ― nach etwas erstaunlich Lebendigem, etwas eklig Beißendem. In meiner ganzen Zeit im Embassy ist dieser Geruch nicht verschwunden. Jan Slobin erklärte ich, es sei der Geruch einer Fotze, weil die Hure, die vor mir in der 1026 wohnte, nach jedem Fick ihre Fotze mit eben dieser Ecke des Überzugs abzuwischen pflegte. »Unbewusst, Jan«, sagte ich, »eben wie ein Rüde seine Pfote hebt, um zu pissen.« Zugegeben, der Scherz war grob und dreckig, doch Slobin gefiel's, er platzte los und roch voller Ekel an dem Überzug. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, wer in der 1026 vor mir gewohnt hatte, eine Hure oder nicht, doch meine Annahme war zumindest wahrscheinlich, denn im Hotel lebte eine Menge schwarzer Huren. »Gearbeitet« haben sie woanders, außerhalb, aber auch im Hotel haben sie sich was dazuverdient. Ich habe oft unsere Jungs gesehen, die an Rosalies Tür klopften. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit, Money wurde durchgesteckt, die Kette abgenommen, und der Fotzenkandidat erhielt Zutritt.

Zurück zum Überzug aus blutrotem Rips. Natürlich stellt sich die Frage: Wieso habe ich ihn nicht selbst bei Laundromat gewaschen? Die Antwort ist: Na, weil ich mich damals in einer asozialen Gemütsverfassung befand. Der Hass auf die Gesellschaft, die mich in den existenziellen Abgrund getrieben hatte, war so stark, dass ich alle Verfallszeichen, einen ekligen Überzug zum Beispiel, als Auszeichnung empfand. Wie ein Jude seinen gelben Stern. Und wenn ich ihn mal nicht wollte, habe ich ihn eben auf den Boden geschmissen. Ich war ja noch der Besitzer von zwei sumpffarbenen Decken mit dem schwarzen Aufdruck »US Army«.

Und so lebte ich im Embassy. Von meinen alten Bekannten kreuzte nur noch Jan bei mir auf, und mein einziger enger Freund war in dieser Zeit mein Fernseher Adventurer. Ich denke an seinen verstaubten kleinen grauen Plastikkörper wie an den Körper eines Freundes. Eine Schramme auf der Stirn über dem Bildschirmgesicht, scharfe Runzelsprünge unter dem Kinn. Er teilte schlimme Alkoholexzesse und die Schrecken der Einsamkeit mit mir. In seiner Gesellschaft lächelte ich, schrie, weinte, tanzte Tango, Walzer, Rock 'n' Roll. Angezogen, halb nackt, nackt. Was denkt ihr denn, was einsame Typen in den Hotelzimmern so tun? Na eben das, was ich tat: Sie pflegen ihren Wahnsinn. Und jeder tut es auf seine Art, je nach Temperament und Intellekt. Nach einer Gallone Wein in der Einsamkeit hielt ich feurige Reden in einem unzusammenhängenden Russisch-Englisch-Kauderwelsch, Flüche vermischten sich mit Stöhnen. Der Adventurer hörte mir wohlgeneigt zu. Mein kleiner billiger Freund, für einen Zwanziger in einem vom Schicksal schon gezeichneten Zustand angeschafft, unterhielt er mich, wie er konnte. Er zeigte mir die Visage eines Senators, damit ich sie anspucken konnte. Er führte mir ekelhafte Middle-Class-Weiber vor, damit ich mir vorstellen konnte, wie ich ihnen ihre Seidenfummel runterreiße und sie auf ihre fetten Hintern trete. Nun ja, ich hasste eben die Gesellschaft in diesem Frühjahr.

Ich erzählte Jan Slobin von dem Dokumentarfilm über Mussolini auf dem Balkon, von den glücklichen Gesichtern der Faschisten. Slobin wusste genauso wenig wie ich über Mussolini. In unserer UdSSR wusste man nur, dass der Duce, wie auch Hitler, an Größenwahn krankte, dass er verrückt war. Und dass die italienischen Divisionen beschissen gegen uns gekämpft hatten. Natürlich war das Wort »Faschist« in der Sowjetunion absolut negativ. Jan sagte, er fühle sich wie ein Faschist, nur sei Mussolini aus seinem Scheiß rausgekrochen, während wir hier in unserem Scheiß weiter sitzen und da niemals rauskriechen würden. Dass jetzt andere Zeiten seien und dass solche Leute wie wir, mit Temperament, halt nichts zu erwarten hätten. Dass heutzutage nur unbegabter und schlapper Pöbel was zu erwarten hätte, die Typen also, die in der Schule brav gelernt und auf ihre Eltern gehört hätten. Ich sagte, dass ich zu Barnes & Noble gehen und ein Buch über Mussolini kaufen wollte. Dass seine Visage und seine kräftigen Hände mich interessieren würden. Dass er nicht verrückt wäre.

»Die verheimlichen uns was, Jan«, sagte ich. »Damals in der Sowjetunion und hier genauso. Ich will wissen, was.«

»Bücher sind teuer«, meinte Jan. »Dein Mussolini wird wohl einen Zehner oder sogar fünfzehn Dollar kosten. Hast du etwa zu viel davon? Kauf dir lieber Schuhe.«

Ich sagte, dass Wissen unschätzbar wäre, eben eine wichtige Investition. Es täte mir leid, dass ich mich seinerzeit auf die Poesie konzentriert hätte. In der alten Geschichte würde ich mich noch mehr oder weniger auskennen, aber bei der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts wäre es bei mir aus.

Bei Barnes & Noble wunderte man sich sehr, dass so ein verwahrloster Kerl, der kaum ihre Sprache beherrschte, ein Buch über Mussolini suchte. Ein Typ mit Pickeln an den Ohren und Krawatte ging mit mir in die Geschichts-Abteilung und sah die Regale durch.

Doch hier gab's kein Buch über Mussolini. Dafür aber Bücher über den Zweiten Weltkrieg mit den schärfsten Fotos, extra Bücher über Panzer, überhaupt über die verschiedensten Waffen, über die Kriegsmarine verschiedener Länder, darunter auch der Italiener. Aber es gab keine einzige Biographie über den Mann im schwarzen Hemd ― mit mächtigen Pranken und Bartstoppeln wie bei einem Eber.

»Sind Sie Italiener?«, fragte der Typ mit der Krawatte.

»Ja«, gestand ich.

»Wir haben auch eine italienische Abteilung. Vielleicht finden Sie dort eine Mussolina-Biographie«, schlug der Typ hilfsbereit vor. Die falsche Aussprache des Namens machte mir klar, dass hier nach Kochbüchern und Broschüren vom Typ »Wie will es die Frau?« größere Nachfrage herrschte. In die italienische Abteilung ging ich erst gar nicht, einen Scheiß hatte ich dort zu suchen.

Nach ein paar Tagen hartnäckiger Suche fand ich unweit von der 14. Straße ein neunundneunzig Cent billiges Werk eines gewissen B. Smith, das erst vor einem Jahr in London herausgegeben worden war. »Duce« hieß das Buch, es hatte vierhundert Seiten. Ich war sicher, dass die Lektüre die nächsten paar Monate beanspruchen würde. Bereits ein halbes Jahr schlug ich mich mit den »Erinnerungen an den kubanischen Bürgerkrieg« von Che Guevara und der »Philosophie von Andy Warhol« rum. Nimmt man noch den »Duce« dazu, ist das Porträt des Lesers komplett. Ein Mensch mit spezifischen Interessen, nicht wahr? »Die Philosophie von Andy Warhol« harmonierte eigentlich wenig mit Che Guevara und Mussolini, doch bei genauerer Betrachtung kommt man zu dem Schluss, dass der deklassierte sowjetische Kerl, der in einem Hotel mit Schwarzen lebte, in Warhol wohl einen starken Tschechen sah. Einen Tschechen, der sich durch Talent und große Energie aus seinem Emigrantenghetto befreit hatte und gewissermaßen zum Duce geworden war, zunächst der Pop-Art und dann der ganzen modernen Kunst.

In mein Hotel kam ich gegen Abend. Mit dem Buch unterm Arm schritt ich den Korridor entlang. Es ― ein Mensch oder ein Hund, das konnte ich nicht eruieren ― hatte wieder den Korridor vollgeschissen. Der Gestank war höllisch. Ich hatte den Verdacht, dass der Hund des alten Chinesen Durchfall hatte. Ich hatte ebenfalls den Verdacht, dass der Chinese ein kleiner Ex-Gangster war, der sich nun zur Ruhe gesetzt hatte. Meistens glucken die Chinesen in einer Sippe zusammen. Anscheinend hatte der alte gelbe Mann gute Gründe, auf die Gesellschaft von seinesgleichen zu verzichten. In unserem Hotel versteckte sich seinerzeit der bekannte sowjetische Spion Oberst Abel und lebte so vor sich hin. Hier wurde er auch gefasst. Also war der Chinese, wenn mein Verdacht stimmte, nicht der Erste, der im Embassy untergetaucht war. Campbell war dabei, als Abel vom FBI festgenommen wurde. Damals war er schon Manager, der Gute. Zu dieser Zeit war das Embassy noch nicht von Schwarzen okkupiert, aber es war schon runtergekommen.

Ich nahm ein Lexikon, legte mich auf den Boden und schlug den »Duce« auf. Auf der alten Logiercouch konnte man gut auf dem Rücken und in der Seitenlage schlafen. Aber auf dem Bauch liegend zu lesen war äußerst unbequem. Denn der Bauch brach in die Matratze ein, und der Rücken bog sich widernatürlich durch. In Jeans und einem schwarzen Pullover lag ich also auf dem durchgetretenen roten Parkett und rollte mich bei Bedarf vom »Duce« zum Wörterbuch. Nach anderthalb Stunden wusste ich schon, dass Mussolinis Mutter Rosa sehr religiös gewesen war, während Papa Alessandro, ein Schmied, Halbsozialist und Halbanarchist, der Familie beim Essen Auszüge aus dem »Kapital« vorlas. Außerdem stand Papa auf die Damenwelt und war dem Alkohol nicht abgeneigt. Alessandro beeinflusste seinen Sohn wie kein Zweiter.

Drei Schläge gegen die Tür. »Ken?«

»Get out, Eddi. In der 1037 brennt's.«

Ich sprang auf. Im Korridor roch es verbrannt, in den Ecken hingen, klar sichtbar wie Spinnweben, Rauchfäden. Vor der 1037 hatten sich schon viele von uns versammelt. Rosalie und Basuka in voller Ausgehmontur, die mächtigen Hintern von Kunstseide umspannt ― die klebt ja am besten am Körper ―, absolut identische Überwürfe aus hellblauem Kunstpelz um die Schultern, die Absätze bohrten sich in den Teppich, knallrote Lippen. Eine Bande Teenager aus der neunten Etage, die eh immer nur abhingen, dann noch ein Dutzend schwarzer Fressen, darunter F-Man und sogar unser Chinese. Der alte Chinese galt hier als Weißer, obwohl sein Arschgesicht eigentlich eher grün war. Ken nannte ihn einen Arsch, und ich hatte diesen Standpunkt der schwarzen Mehrheit einfach übernommen. Sie mochten ihn halt nicht. Aber sie konnten ihn auch nicht loswerden. Kein Wunder, selbst die Mongolen konnten die Chinesen nicht loswerden.

Alle standen da und glotzten auf den Spalt zwischen dem Boden und der Tür zur 1037. Von dort stieg fetter schwarzer Rauch hoch. Campbell tauchte auf: Sonnenbrille eines alten Losers, Jeans, kariertes Hemd, ehemals blonde, jetzt graue Strähnen über der Stirn. Ein Schlüsselbund in der Hand. Hinter ihm der friedliche Mexikaner Peres, der zweite Manager, immer sehr engagiert. Er trug einen Feuerlöscher. Alle schrien fröhlich drauflos.

Campbell schloss die Tür auf. Sofort quollen uns aus dem Zimmer etliche Kubikmeter ätzenden Rauchs entgegen. Es war so, als hätte dort ein Lager mit Autoreifen gebrannt. Die tapferen Manager schritten in den Rauch hinein. Hustend sprangen sie gleich darauf aus dem Rauch wieder heraus.

»I am going to call the Fire Department«, sagte F-Man und drehte sich um.

»Bleib, wo du bist!«, schrie Campbell. »Ich musste schon für den letzten Brand eine fette Strafe an dein Fire Department zahlen. Das kriegen wir schon allein hin. Ist sowieso nur eine qualmende Matratze.«

»F-Man hat Recht«, sagte Ken leise zu mir. Aber da wir alle oder fast alle Campbell die Miete für viele Monate schuldeten, mussten auch die Schlauesten den Mund halten.

Campbell und Peres machten Taschentücher nass, bedeckten damit die Gesichter und gingen wieder in den Rauch. Einer von ihnen schlug das Fensterglas kaputt, und der Rauch zog aus dem Korridor weg. Sie rannten wieder raus, um Luft zu holen, zu spucken und zu husten, und nach dem zweiten Gang kehrten sie dann mit der unglückseligen Matratze wieder zurück. Aus dem schwarzen Loch im Bauch der Matratze stieg schwarzer und grauer Rauch. Die Matratze wurde im Trab auf die nächste Hintertreppe hinaus verfrachtet und reichlich mit Wasser übergossen. Wir, inklusive Rosalie und Basuka, drängten uns ebenfalls auf der Treppe.

»Was glotzt ihr so blöd«, fuhr uns Campbell an, »habt ihr nix zu tun? Und ihr, meine Schönen, verzieht euch auf die Straße, eure Kunden warten schon. Get outta here!« Campbell klatschte Basuka auf den Arsch.

Verwirrt gingen wir auseinander. Wir hatten tatsächlich nichts zu tun. Und so ein Brand ist immerhin eine Abwechslung, noch dazu eine kostenlose. Ken, ich, die Teenagerclique und F-Man ― wir hatten alle kein Geld. Wir waren die Volksmassen des Hotels. Und das Volk hat halt no Money. Money haben nur seriöse Menschen. Im Embassy erkannte man die seriösen Menschen an ihrer Kleidung. Seriöse Menschen waren Pimps oder ― oft in der gleichen Person ― Drug-Dealers. Nicht Pushers, die den ganzen Tag lang in der Hotelhalle mit kleinen Tütchen herumsprangen, sondern die Dealers, also die, die die Pushers mit Tütchen versorgten. Seriöse Menschen sprachen nicht einmal mit mir, Ken oder F-Man. Worüber auch? In meiner ganzen Zeit im Hotel sprach mich nur einmal nachts im Lift ein Pimp an. Er polierte mit dem Taschentuch seinen Diamanten am Finger. In dieser Nacht hatte ich meine besten Klamotten an. »Wenn du super Mädchen haben willst, komm in die 532.«

Ken fuhr in die Halle runter, ich kehrte zu meinem Mussolini zurück. 1901 schrieb Benito, genauso wie ich in diesem Alter, Gedichte und versuchte sie zu veröffentlichen. Voller Sentimentalität erinnerte ich mich, wie Witka Proutorow, Gott hab ihn selig, und Sascha Tischenko mein Werk in die Zeitung »Lenins Flagge« trugen, während ich auf der anderen Seite der Sumskaja-Straße wartete, im Schewtschenko-Park, mitten im Frühlingsgrün, schwitzend und aufgeregt. Das Gedicht, das ich anlässlich des 1. Mai-Feiertags geschrieben hatte ― ich war schon damals darauf aus, mein Talent zu verhökern ― hat die Komsomol-Zeitung abgelehnt. Gönnerhaft legten sie meinen Kumpels nahe: »Ihr Freund sollte erst mal Gedichte schreiben lernen«, und überreichten ihnen einen Zettel mit dem Titel des Buches von ― wenn ich mich nicht irre ― Matussowski: »Wie lerne ich Gedichte schreiben«. Diese bittere Niederlage ertränkten wir im Fusel irgendwo in den Büschen des Schewtschenko-Parks. Doch immerhin lebte ich in einer Stadt mit einer Million Einwohnern, in Charkow also, während Mussolini im Dorf Predappio aufwuchs. Im Sommer 1902, mit neunzehn, floh Mussolini in die Schweiz. Warum? Es gibt keine plausiblen Erklärungen für die Motive seiner Flucht. B. Smith äußerte ein paar tadelnde Worte gegenüber dem jungen Benito, der angeblich seine Familie in dem Moment im Stich gelassen hatte, als sein Vater Alessandro ins Gefängnis kam, und sich sogar erdreistete, seiner Mutter das Fahrgeld abzuschwatzen. Die Historiker, musste ich feststellen, erweisen sich immer dann als beschränkt, wenn es nicht mehr um ihr Professorenwissen, sondern um die Erfahrung des niederen Lebens geht. Ich fand es nur natürlich, dass ein junger Mann aus Predappio rein instinktiv in die Schweiz abhaut. Smith aber suchte nach einem Grund. Auch ich hatte im Frühjahr 1961 mein Fahrrad Borja Tschurilow verkauft und war einfach nach Noworossijsk gefahren. Allein.

In der Schweiz jobbte Benito als Bauarbeiter bei der Errichtung einer Schokoladenfabrik. Der blöde Historiker machte ihm Vorwürfe, dass er es nicht lange bei seinem ersten Job ausgehalten hatte. Scheißkerl, dich würde ich auch gerne mal als Bauarbeiter sehen, verehrter Smith, Professor aus Oxford, mal schauen, wie lang du es da aushältst. Ein lebendiger Verstand und ein temperamentvolles Herz werden immer darauf aus sein, dem Joch jeglicher Arbeitsverhältnisse zu entkommen. In meinem ersten Job ― als Bauarbeiter in einem Montagetrupp ― arbeitete ich vom Oktober 1960 bis Februar 1961. In der Pampa bei Charkow bauten wir die neue Halle einer Panzerfabrik. Im Steppenstaub und bei schrecklichem Frost. Egal, das Schlimmste war sowieso die Gesellschaft von den aggressiven Flachköpfen da. Ich blieb auf Seite 17 stecken, weil es dort einen Haufen unbekannter Wörter gab. So musste ich mich in das Wörterbuch vergraben, das allerdings manche Wörter gar nicht kannte.

Vom Kampf um die Wörter lenkte mich ein Geruch ab. Rauch. Ich schaute auf die Tür und stellte fest, dass träge dicke Fäden grauen Rauchs durch den Spalt ins Zimmer strömten. Ich riss die Tür auf und stand einer undurchdringlichen Rauchwand gegenüber. Irgendwo hörte man Türen knallen. Es brannte schon wieder.

Ich aber wurde ganz cool. Typisch, bei Gefahr bin ich oft kalt und analytisch. Ich schlug die Tür zu. Zog unter meinem Bett den Koffer mit Tagebüchern und Manuskripten hervor. Schaute auf die Uhr. Es war ein Uhr nachts. Ich zog meinen Ledermantel an. Machte ein schmutziges Hemd nass, das im Badezimmer rumlag. Nahm meinen weißen Anzug, der mit anderen Sachen unter einem Stück Stoff an der Tür hing. Bedeckte den Kopf mit dem Hemd, holte tief Luft und ging in den Rauch. Schloss die Tür ab. Und rannte los, die Hand immer an der Wand.

Ich versuchte erst gar nicht, etwas in dem Rauch zu erspähen. In diesem Gebäudeteil war die Tür zur Feuertreppe die vierte nach Kens Zimmer. Ich stürzte ins Treppenhaus. Ich hatte noch nicht viel Rauch geschluckt, nur von meinem nassen Kopf flössen klebrige Ströme über Schultern und Rücken. Im Treppenhaus brannte kein Licht, aber man konnte atmen. Nach ein paar Stockwerken wurde die Luft wieder sauber.

Unten in der Halle lärmten inmitten ihrer Koffer, Reisetaschen und Plastiktüten die anderen Ausgebrannten sowie mitfühlende Schaulustige. Schwarze lachen wahrscheinlich sogar aus Angst. Die Halle stöhnte vor Grölen. Nur ein Säugling in den Armen seiner minderjährigen Mutter heulte. An den Telefonautomaten tief in der Halle johlten die telefonierenden Typen, sie krümmten sich vor Lachen und hielten sich die Bäuche; an der Rezeption hatten sich in aufgekratzter Stimmung wie an einer Bartheke mit dem Rücken zu Campbell drei Pimps zusammengefunden, dazu noch die Pushers, die schnell von den Fensterbänken ihre Warenmuster eingesammelt hatten. Logisch, man erwartete ja die Feuerwehr, und natürlich die Bullen. »Ha-ha, man! Fire!« Baretta, der einen Pudel an der Leine hielt, dessen Halsband mit geschliffenen Glasstücken blitzte, grüßte einen Freund: »Fire, man, hey, fire!«

In dieser Lebensphase hatte ich mit meiner Vergangenheit nichts mehr am Hut. Ich war ein Bewohner des Embassy und kein Russe mehr, kein Sohn eines sowjetischen Offiziers, kein Enkel eines sowjetischen Bauern. Erst Jahre später fiel mir wieder ein, dass ich ein Russe bin, dass mein Papa sein ganzes Leben lang in einer NKWD-Uniformhose mit einem blauen Streifen rumlief. In diesen Jahren aber war ich nur ich, wie meine Nachbarn hatte ich nichts zu verlieren. Das Hotel brannte, prima, soll doch mit dem Hotel dieses ganze Leben abfackeln! Meinetwegen kann ganz New York in Flammen aufgehen!

Endlich hatte ich Ken entdeckt und stürzte mich mit meinem Koffer und dem weißen Anzug auf ihn, fröhlich, mit nassem Kopf: »Ha-ha, man! Fire!«

Er haute seine Hand auf meine, wir klatschten die Handflächen gegeneinander.

»Yeah, man, fire!« Ken hatte bereits getrunken, das sah man an seinen öligen Lippen. »You look ridiculous, Eddi«, grölte er.

»Sure«, grölte ich zurück. »Ist doch fire, man, fire!«

Wie Mastodone, in Elefantenstiefeln, mit Nieten und in Helmen, brachen ganze Scharen von Feuerwehrleuten ein, ihre Schläuche und das ganze höllische Zubehör hinter sich herschleppend. Einige von ihnen verteilten sich auf die drei Treppen, die anderen schnappten sich den Lift, nachdem sie ihn von einer protestierenden Clique befreit hatten, Jungs und Mädels, die Gott weiß wohin damit fahren wollten, vielleicht sogar in die brennende 10. Etage. Das Hotel platzte vor Lachen.

Gegen zwei Uhr morgens trauten sich die ersten Gruppen von uns wieder schüchtern auf ihre Etagen. Trotz des strengen Verbots der Feuerwehrleute. Drei Zimmer klafften mit ausgebrannten schwarzen Löchern statt der Türen, der Korridor war mit Wasser überschwemmt, die Feuerwehrleute schleppten das verbrannte, feuchte, noch qualmende Mobiliar auf die Treppen hinaus. Unsere Zimmer, meins und Kens, waren vom Brand verschont geblieben, sie lagen zwar nicht weit von der 1037, aber in einem anderen Teil des Korridors. In der 1037 schwelte aber noch ein kleiner Brandherd vor sich hin. Aus den verschiedenen Treppenhäusern lugten, zusammengeklumpt, die Halbwüchsigen vom Stock tiefer und unsere Etagenbewohner hervor: Ken, ich, der Chinese, F-Man, unsere Mädchen und die ganze Familie von Cassius. (Manchmal saß seine Frau mit drei Kindern vor der Tür der 1051, dann wusste jeder, dass Cassius sich wieder besoffen und die Familie rausgejagt hatte, um seine dreizehnjährige Tochter zu vögeln. Das geschah einmal in der Woche. Aus dem banalen Inzest machten weder Cassius noch die Frau und seine Tochter eine Tragödie.)

Die Feuerwehrleute waren von unserem Grölen und unseren Bemerkungen genervt. Ab und an, während sie die Möbel herauswarfen und die Türreste mit dem Beil zerhackten, brüllten sie uns an: »Verpisst euch, people, macht, dass ihr nach unten kommt.«

»Wir wohnen hier, Leute«, schrien wir sie an. »Wohin sollen wir gehen. We belong here. Danke, Uncle Sam! Ha-ha-ha…«

Das Feuer, hieß es, war gelöscht. Doch plötzlich sagte einer, dass auf der Korridorwand, die vom Brand eigentlich gar nicht berührt worden war, die Farbe weiterhin Bläschen werfen würde. Da der Manager nicht in der Nähe war, hauten die Feuerwehrleute ohne Umschweife mit ihrem Beil gegen die Tür des angrenzenden Zimmers. Sie stürzten rein. Im Bett von 1043 ruhte im Anzug der Zimmerbewohner, still und friedlich brannte das Paneel um ihn herum.

Nass, hustend, sich die Augen reibend, kam er heraus: halb Schwarzer, halb Chinese oder Koreaner, Schlitzaugen in der schwarzen Visage, glatte Haare. Wir klatschten spontan Beifall. »What's happening?«, fragte der Mann. Er griff nach der Flasche in einer Papiertüte, die man ihm entgegenhielt. »What's happening?« Er nippte an der Flasche und hustete auf. Langsam schien er zu erwachen: »Looks like fire to me…«

Die Jugendlichen schrien und sprangen vor Begeisterung.

»Super, der hat auch schon gerafft, dass es hier brennt!« F-Man guckte in die Runde. »Seit zwei Stunden schläft er mitten im Rauch, im Lärm, im Feuer, die Feuerwehrleute haben eine Wand zu seinem Zimmer halb durchgebrochen, die Tür durchgehauen ― und er ist erst aufgewacht, als sie ihn mit Wasser vollgespritzt haben.«

Campbell tauchte auf. Er verjagte uns, offensichtlich darüber verärgert, dass wir alle wussten, dass er allein an diesem zweiten Brand schuld war. Ich legte mich schlafen. Die anderen dagegen amüsierten sich bis zum Morgen.

Im Hof ist es still. Elf Uhr morgens ist die ruhigste Zeit im Embassy. In den beiden Innenhöfen spricht man nicht von einem Fenster zum anderen, die Bewohner schlafen. Genug geschrien, genug getanzt, genug gesoffen und gefickt. Nur einmal schrickt ein Mann nervös auf, der gestern besonders lange in der Bar gesessen hat. Er macht sich an den prächtigen schwarzen Hintern seiner Freundin ran, sie wird aufgeweckt, schreit auf, lacht, atmet schwer. Die Fenster hier sind meistens offen. Hier wird gut geheizt, das alte Hotel faucht mit seinen Heizkörpern, das Gestöhne des Pärchens wird im Schacht des Innenhofs aufgenommen und verstärkt, alle können es hören. Oder Möwen, unwirklich in dieser steinernen Stadt, schreien über dem Hof und picken den Müll vom Boden auf. Ein letztes Stöhnen des Paares im schweren Alkoholsex, die Möwen fliegen weg, es ist wieder still. Das Hotel schläft, von der schweren Brandung des Broadways umspült.

Ich aber war schon wach und las meinen Mussolini.

Fortsetzung
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Tags: deutsch, переводы, тексты Лимонова
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