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Edward Limonow // "Krachkultur", #13, 2010

. WAHLEN Aus dem Russischen von Barbara Lehmann und Aleksej Khairetdinov Und dann waren die Wahlen. Aus der Zeit meiner Wahlkampagne im Herbst 1995 sind mir nur schlecht beleuchtete, kalte Bibliothekssäle, Bürgerbegegnungsstätten und Kulturhäuser in Erinnerung geblieben, die Gespräche mit eingeschüchterten, unsicheren, misstrauischen, unschönen Menschen. Alte Leute mit kränklichen, zerknüllten Gesichtern, in rissigen Winterstiefeln und muffigen, nach dem Zwiebelprinzip übereinander getragenen Sachen. Welkes Gemüse, rührende Hysteriker. Böse, herzliche, alte Kinder im Halbschlaf. Manchmal wollten sie mit mir erboste Streitereien anfangen, genau gesagt, mit meiner Biographie, meinen Büchern, die sie falsch verstanden hatten. »Sie haben das Land verlassen, im Westen gelebt, als wir hier leiden mussten, und jetzt kommen sie her und wollen die Macht.« Oder: »Sie machen in ihren Büchern Werbung für Homosexualität und Drogen und wollen auch noch, dass wir Sie wählen?« Direkte Angriffe gab es allerdings selten. Meistens war das Auditorium wohlwollend, aber auf jeden Fall verstörte sie, dass ich nicht wie ein Chef aussah ― keine Krawatte, keine fette Fresse. Wenn sie wieder nach Hause gingen, dachten sie wohl: »Hm, schon ein ungewöhnlicher Typ, und es stimmt auch eigentlich, was er sagt, aber irgendwie…« Hier, denke ich, hatten sie Schwierigkeiten mit der Formulierung. »Der ist keiner von uns, wie so ein bunter Vogel, aber aus einem anderen Film. Viel zu neu, viel zu auffällig. Geht nicht.« Den ganzen November und Dezember lang, im Schnee, bei ewiger Dämmerung, besuchte ich den 194. Moskauer Wahlkreis mal mit der Metro, mal in alten Wagen von Bekannten. Ich trat in Bibliotheken, Sozialeinrichtungen, Instituten auf. Habe ich tatsächlich geglaubt, dass diese überaus beschränkten ehemaligen Sowjetbürger, die nunmehr die Bürger Russlands waren, die vielleicht niemals ihren Bezirk verlassen hatten, mich, einen Vagabunden, der in Dutzenden von Ländern gelebt hatte, als ihren Vertreter wählen würden? Einen, der das genaue Gegenteil von ihnen ist? Ich musste es glauben, und ich glaubte daran. Und meine zerbrechlichen Parteigenossen, fast Kinder noch, die genauso bizarr waren wie ich, glaubten es auch. Zur Registrierung kam ich mit meinen Vertrauensleuten. Keiner älter als neunzehn oder zwanzig. Der jüngste, Mischa Hors, war nicht einmal achtzehn. Und das sollte ein Abgeordneter werden! Die Mitglieder der Wahlkommission guckten uns mit schlecht verhülltem Entsetzen an. Doch wir, arm und ausgehungert, kriegten die nötige Zahl der Unterschriften am schnellsten zusammen. Die Jungs waren mit sich zufrieden. Sie hatten nicht vergebens Hunderte von Häusern, Zehntausende Menschen abgeklappert und die erforderlichen siebentausend Unterschriften zusammengekriegt. Mit unseren Füßen, Kehlen, Händen, auf Kosten der Gesundheit, in schlaflosen Nächten. Während der Wahlkampagne habe ich einiges gelernt. Ich habe festgestellt, dass die Anschauungen der Moskauer Wähler aus vielen Versatzstücken zusammengeflickt sind. Ein Stück Sowjetunion, das sie aus der patriotischen Presse hatten, ein Fetzen Pazifismus, ein Fetzen Judenfresserei, allerdings selten; bei den Juden oft schlecht versteckter Russenhass. Und andere exotische Elemente in den unterschiedlichsten Kombinationen. Und das alles auf einem allgemeinen grauen Hintergrund, auf dem Sackleinen des ödesten hauptstädtischen Provinzialismus. Ihre Ansichten, die im düstersten, tiefsten 19. Jahrhundert wurzelten, waren ihnen von den Sowjetchefs eingeimpft worden. Sie wussten mehr über Puschkin, die Husaren oder Marina Zwetajewa als über ihren Wohnungsnachbarn oder über die Fabrik, die auf der anderen Straßenseite vor sich hin rauchte. Ganz zu schweigen vom Ausland. Für sie war jeder Ausländer ein Millionär. Nein, hier war nicht die Welt der avantgardistischen intellektuellen Ideen, keiner kannte hier den Philosophen Alain de Benoist, keiner hatte die Zeitschrift Krisis gelesen oder in der Zeitung L'Idiot International gearbeitet ― hier war noch immer das düstere Kellergewölbe des 19. Jahrhunderts. Und ich wedelte mit den Armen und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erheischen. Komischer Kauz. Sie glotzten mich misstrauisch und mürrisch aus ihrem vorsintflutlichen feudalen Dostojewski-Winkel an. Und applaudierten nicht einmal. Und wenn sie applaudierten, dann an den falschen Stellen. Wie einem Affen, dem man einige Worte in ihrer Sprache beigebracht hatte. Zu Recht auch, so einer bin ich. Sie wollten was anderes: gerissene Diebe, Speichellecker, ungebildete Aufsteiger, hilflose Beamtenidioten ― die waren wie sie, mit zottigen Haarbüscheln hinter den Ohren und weichen Bäuchen, die schon am Kinn ansetzen, das war ihre Wahl. Ich dagegen hatte zwar das gleiche Blut, war aber auffallend anders. Sie nahmen mir sogar übel, dass ich mit zweiundfünfzig noch nicht aufgeschwemmt war. Irgendwas stimmt nicht bei dem, argwöhnten sie. Doch meistens konnte ich sie umstimmen. Beim Abschied drückten sie mir die Hand und versprachen, mir ihre Stimme zu geben. Keine Ahnung, ob sie das auch taten. Zu Hause fiel ich ins Bett und vögelte mit Lisa, meinem Skinhead-Mädchen. Drei― oder viermal begleitete sie mich zu den Treffen mit den Wählern. In Jeans und einem hauchdünnen Jäckchen zum Umpusten passte sie genauso wenig wie ich in diese Schneewüsten. Der Kandidat fürs Parlament und sein Mädchen mit einer CD von Tom Waits in der Tasche. Ein Stilbruch. Deswegen wollten sie mich nicht. Ich dachte in diesen Monaten viel über Wladimir Iljitsch nach. Ich sah Lenin, wie er aus Europa kommt, wie ich zu ihnen, in dieses Klima, zu ihren dumpfen Seelen. Mein Gott, müssen die ihm auf den Geist gegangen sein! Nach all den korrekten bescheidenen Schweizern, den ordentlichen Deutschen, den distanzierten Franzosen also nun plötzlich diese finstere Bevölkerung, die einmal in hundert Jahren in blinde kollektive Raserei verfällt. Dieser Schnee, diese riesigen Straßen und Prospekte, diese tödlichen Entfernungen! Okay, die haben ihn ziemlich schnell kleingekriegt, den guten Lenin, darum eben hat er sich schnell abgegriffen, wie Seife. Wir hätten uns gut verstanden, Wladimir und ich. Beide haben wir ja zwei Jahrzehnte außerhalb von Russland gelebt. Also begann ich allmorgendlich mit ihm zu sprechen, während ich in meinem Aluminiumbecher meinen Tee heiß machte. Mit dem Kaffee war ja hier nichts mehr, und so kochte ich mir wie ein Lagerhäftling Teesud auf. Iljitsch hätten sie auch nicht gewählt, so wie mich. Selbst für damalige Zeiten zu klein, 1,63 m, das »R« rollend, mit einer weiß gepunkteten Krawatte, Weste, Stiefeletten. Unscheinbar, spricht wie aus Büchern, durch und durch fremd. Ein Ausländer. Die hätten lieber den Holzklotz Jelzin. Oder die Fresse eines Lebed. Iljitsch und ich sind da fragiler. Ich dagegen! Energische Auffassungsgabe, Abertausende Speichereinheiten einmaligen Wissens im Gehirn, kämpferische stürmische Politikerfahrung im Westen, Gründlichkeit und Klarheit, unikale Willenskraft, die Fähigkeit, unablässig nachzuhaken, fanatisch, ehrlich bis zur Ekstase ― einfach ein Schmuckstück in jedem Parlament, überall auf der Welt. War ich nicht etwa in Frankreich der Erste unter einigen Auserwählten? Menschen meines Schlages gründen Staaten, Städte, machen Geschichte! Und hier brummelten mir irgendwelche verrunzelten Greise, die ihr ganzes Leben lang in ihren Küchen rumgesabbert hatten, aus dem Saal entgegen: »Wie sieht denn ihr ökonomisches Programm aus?« Ich weiß noch, wie total enttäuscht sie alle waren, als ich die Frage nach den Eigentumsformen beantwortete. Meine Antwort war die einzig vernünftige: »Ich bin für die Eigentumsform, die Profit bringt. Hauptsache, das Unternehmen, die Fabrik, das Grundstück, das Rohstofflager, die Kolchose sind rentabel! Und ob es einem oder zehn Besitzern, der Belegschaft oder dem Staat gehört, ist zweit- oder sogar drittrangig. Ein Unternehmen muss regelmäßig Steuern abführen, anständig seine Angestellten unterhalten, erfolgreich seine Produkte an den Mann bringen, dann erfüllt es seinen Zweck. Das Privateigentum allein löst das Problem der Gewinnsteigerung nicht. Es ist falsch, ökonomischen Erfolg oder Misserfolg auf die Eigentumsformen zurückzuführen. Ein launischer Eigentümer kann morgen seinen Betrieb satt haben und zum Teufel schicken, der Betrieb geht dann vor die Hunde, und die Angestellten stehen ohne Arbeit da.« ― »Nein, Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Für welche Eigentumsform sind Sie?«, löcherten mich meine Wähler. Sie wollten entweder ein »Ja« oder ein »Nein« und ertrugen keine differenzierte Antwort. Sie wollten eine klare Lüge. Ein roter Rentner schüttelte mir freundlich die Hand und belehrte mich: »Sie sind ein guter Mensch, aber in der Eigentumsfrage sind Sie noch nicht sattelfest. Ich würde ja für Sie stimmen, aber ich gebe meine Stimme dem Kandidaten der Kommunisten.« Das tat er wohl auch. Während des Wahlkampfs wurde ich immer sicherer, dass die meisten Wähler absolut unbedarft und völlig ungebildet sind. Sie wählen keinen, der ihnen überlegen ist. Sie wählen immer nur das größte Schaf der Herde. Und niemals den Hirten. Es war mir absolut klar, dass sie mich nicht wählen. Dass ich von Natur aus ein Führer bin, und Führer werden nun mal nicht gewählt. Führer zwingen ihre Macht auf. Und das eben steht mir bevor. Das Risiko ist, auf diesem Weg erschlagen zu werden. .
Tags: deutsch, переводы, тексты Лимонова
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