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Алексей Евсеев
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Edward Limonow // "Krachkultur", #13, 2010

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GELIEBTE DER PARTEI
Brief an eine Parteigenossin im Jenseits
Aus dem Russischen von Barbara Lehmann und Aleksej Khairetdinov

Grüß dich, meine junge Mascha!



Ich rede dich so an, weil du erst siebzehn warst, als ich dich erkannt habe im biblischen Sinne. Und du warst erst zweiundzwanzig, als du uns verlassen hast. Deshalb wirst du für mich immer jung bleiben.

Als ich damals zwischen deinen zarten jungen Schenkeln lag und deine schweren Tittis knetete, habe ich so viel Lust empfunden und Freude, dass ich dir jetzt unbedingt danken muss. Ein Brief aus dem Gefängnis unter die Erde darf nicht traurig sein.

Ich schreibe ihn ja nicht, um zu trauern, sondern um deine Tugenden zu lobpreisen. Du hattest eine kleine Schramme auf der Stirn, ich küsse dich auf diese Schramme, mein Mädchen. Verwesen und Verschwinden sind nicht schrecklich, das sind ja nur Formen des Seins, Existenzformen, nicht mehr. Du hast keine Kinder zurückgelassen, Maschenka (wenn ich böse auf dich war, habe ich dich Maria genannt), aber du warst ein braves, gutes, leidenschaftliches kleines Mädchen, eine zärtliche kleine Sau. Du warst immer aufnahmebereit, wenn es nötig war ― immer zur Verfügung für deine harten Parteigenossen. Du hast keine Kinder zurückgelassen, aber eine Schar von Geliebten. Ich war einfach nur ein bescheidener Geliebter von dir, danke. In dir, auf dir, mit dir habe ich das Glück erlebt zu sein. Wie oft, weiß ich nicht mehr. Kann sein, hundertmal, egal.



Als eine der ersten Nationalbolschewiken in Piter kamst du zu uns: eine Studentin der Geschichte. Zusammen mit der feinen Tanja Tolstaja aus der besagten Familie, beide ward ihr Jahrgang 1978. Tanja ist kurz darauf wieder gegangen und unser Kamerad Taras Rabko mit ihr. Du aber bist geblieben, hast in der Partei gearbeitet. Du hast auf Kundgebungen und bei Protestaktionen gefroren, wie alle anderen haben dich die Bullen verprügelt und in den U-Haft-Käfig geworfen. Es gibt ein Gruppenfoto auf dem Schlossplatz an der Siegessäule. Mitten unter unseren harten Jungs in schwarzen Lederjacken stehst du in der ersten Reihe in einem langen Männermantel, hochgeschlossen, mit einer Zigarette. Ein Mädchen im Männermantel.

Wer dich so sah, hielt dich erst mal für ein gewöhnliches, trotziges Bastardmädchen aus dem Hinterhof von nebenan ― rauchend. Eine kleine Schramme auf der Stirn, keine Schminke, Jeans, Männerschuhe, die Haare meistens straff nach hinten gekämmt und mit einem Gummi zusammengebunden. Eine Kampfgefährtin, eine aus den Slums, immer bereit, sich zu prügeln. Ein Mädchen, ein Stacheldraht. Ein Auslaufmodell von 1978. Mindesthaltbarkeit bis zum Millennium.

Aber außer einer Aktivistin, einer tapferen Parteigenossin, einer missratenen Tochter eines Tiefseematrosen warst du ein leidenschaftliches Mädchen mit rotem Haarschopf, einmaligen Titten und innen ― ganz heiß. Notre Dame Stille Mein Sehnen.

Schneenacht, Petersburg. Februar 1996. In der Potemkinstraße, im Stab der Petersburger Dependence der Nationalbolschewistischen Partei ist eine Party. Gegen die Regeln, im Stab darf man nicht saufen und feiern. Kann sein, es ist lauter als sonst, kann sein, es ist später als sonst. Nun aber hatte mein damaliger Kampfgefährte Dugin das Ganze so angelegt, und ich wollte es nicht vermiesen. Ich blieb im Büro des Stabchefs, da kamen Dugin und Karagodin und stellten dich auf deinen Wunsch hin vor: »Hier, Edward, das ist Parteigenossin Mascha, sie will Sie schon lange kennen lernen.«

Damals warst du klein, erst im nächsten Jahr bist du größer geworden. Du hattest, Maria, schwarze Jeans und einen Sweater an, unterm Sweater ein T-Shirt und deinen nackten heißen Körper. Selbst der weite Sweater konnte deine prächtigen schweren Titten nicht verbergen. Das für die Begegnung mit dem Führer gut gewaschene Haar schimmerte rötlich. Später kam ich zu dem Schluss, dass du zu jener Rasse der Rothaarigen und Milchhäutigen gehörst, auch wenn die Rassenmerkmale der Rothaarigen nicht klar ausgeprägt waren. Du spieltest die Lässige und plumpstest mir auf die Knie, aber dein Popo zuckte angespannt, und deine Taille, die ganz dünn unterm Sweater war, vibrierte zart unter meiner Hand. Deine Haare, die sich auf deine Schultern und mein Gesicht ergossen, rochen nach nassem Winter, deine Backen brannten heiß, du verbreitetest den Geruch von Tabak, rochst nach Wodka und dem ätzenden Schweiß einer minderjährigen Frau.



Die Parteigenossen waren rausgegangen. Mit eifersüchtigen Gesichtern, wir blieben allein. Und du sprangst von meinen Knien, gucktest weg und riefst offen aus: »Ich bin so glücklich, lass uns schnell was trinken, ich hab sonst Angst vor dir!« Da merkte ich, daß du das »R« falsch aussprichst. Mascha, Seemanstochter, kleine Akademikerin, unsere Regimentstochter, meine Geliebte, Geliebte der Partei (meine zarte junge Leiche, du warst sehr hübsch).

Die Tür hatte so einen komischen Riegel, man konnte sie nur von außen schließen. Wir baten Alexander darum und gingen nicht vor elf am nächsten Morgen wieder raus, als uns eben dieser Alexander aufmachte. Um zwölf begann der Parteitag. Im Büro der Partei, das gleichzeitig als Büro einer Teeabfüllungsfirma diente, war es kalt. Wir warfen uns alles über, was wir nur finden konnten: unsere Mäntel, den Überzug vom Sofa ― und kopulierten verzweifelt unterm Porträt von Mussollini im grünen Helm auf rotem Hintergrund. Du hattest weiße Unterhosen an, Mascha, und sie erinnerten mich wieder daran, dass du ja minderjährig warst, eigentlich. Alle meine Frauen haben immer schwarze Wäsche getragen. Von dem zu engen Gummi hattest du an der Taille eine rote Vertiefung. Ich habe deine rote Vertiefung geküsst. Wie, war das jetzt die neue nationalbolschewistische Ästhetik, sich mit der Parteigenossin unter dem Porträt von Benito Mussolini zu vereinigen? Meine doofen Schriftstellerkollegen können diese neue Welt ― zwei Paar Armeestiefel und zwei Jeans vors Sofa geworfen ― nicht verstehen. Mit einem Mädchen, das, wie sich herausstellt, kein einziges Kleid besitzt und nie einen Rock anhat. Am Morgen sahen wir, dass das Fenster oben auf war und es hereingeschneit hatte. Im Tageslicht warst du ganz weiß, wie der Winter, wie die Milch. Ich habe genau gesehen, dass du kleine weiße Füßchen hast, kleine Ohren. Ein Jahr später, sage ich doch, bist du gewachsen und warst fast größer als ich, aber die Öhrchen und Füße sind so klein geblieben. Du warst ein schönes, lustiges Hündchen, Mascha. Ein Naturphänomen, immer bereit, deine, na wie soll ich das am wenigsten grob sagen, das, womit man fühlt, herzugeben.

Im Sommer kamst du zu mir nach Moskau, ich musste dich vor Lisa verstecken, nicht wegen irgendwelcher blöden bürgerlichen Gedanken: Du wusstest, dass es Lisa gibt, Lisa wusste, dass es Mädchen gibt, doch Lisa lebte damals mit mir, wohin also mit ihr, und ich wollte dich und sie. Ich hatte die Zeitung, die Partei am Hals. Aber wir fanden Zeit, halb betrunken und glücklich von unseren Vereinigungen zusammen durch Moskau zu ziehen und haben einander zwischen die Beine gefasst, an den unmöglichsten Orten. Die Moskauer Passanten waren schockiert, weil wir buchstäblich wie Vater und Tochter aussahen. Dass ich dir zwischen die Beine langte, hat uns erregt. Das erregte die Passanten, das erregte Moskau, die Kremltürme, den Glockenturm Ivan des Großen, der einem Schwanz mit nackter Nille ähnelte. »Der Glockenturm sieht aus wie eine vergoldete Eichel!«, schriest du lachend und hast dabei graue Petersburger Pilze aus einer Streichholzschachtel gegessen.

Ich wusste, dass du nicht nur mit mir offen und unkompliziert warst. Du zogst halt gerne die Jeans runter und gabst dich hin. Ich wusste, dass du es mit anderen Genossen machst, und war nie eifersüchtig. Ich habe nie verlangt, dass du es nur mit mir machst. Ich wusste, wenn ich dir befehle: »Du lebst jetzt mit mir«, hättest du brav mit mir gelebt und mich niemals betrogen, ich war ja dein Kommandeur, dein Führer, und du warst immer ein zuverlässiger und disziplinierter Parteigenosse. Du hast mich immer am Moskauer Bahnhof abgeholt, wenn ich nach Petersburg kam, du wusstest, wann ich komme, auch wenn ich heimlich kam. Ich war sicher, dass du da sein wirst. Dass du auf dem Bahnsteig unter den Jungs stehen wirst. Meistens mit einem Rucksack auf den Schultern.

Ich hab dich gedrückt, deine Titten geknetet, hab dir einen verpasst, wo es nur ging. Dir hat es immer sehr gefallen. Du hast dich in Smolensk an mich rangeschmissen, alle haben jungfräulich in Reih und Glied auf dem Boden geschlafen, und du schicktest dich subversiv an, mir einen unter der Decke zu blasen. Links schlummerte friedlich mein Leibwächter. Du hast mir mit Begeisterung einen im Zug Pskov-Moskau geblasen. Kostja Lokotkov, Gott hab ihn selig, hat sich auf der oberen Liege weggedreht und die Ohren mit der Jacke zugedeckt, so geräuschvoll war deine Lust.

Einmal lagen wir angezogen da, ich habe dein Öhrchen gestreichelt, einfach so. Es war Winter. Plötzlich sprangst du auf, knietest nieder, mit erhitztem Gesicht, leuchtenden Augen, zwei Pupillenbällchen, ungewöhnlich geweitet.

»Komm, ich bediene dich wie Maria Magdalena.«

»Wie meinst du das? Wie die Sünderin, oder was?«

»Sie hat Jesus die Füße gewaschen und mit ihren Haaren getrocknet. Hat dir schon mal jemand die Füße gewaschen und mit den Haaren getrocknet?«

»Nein«, sagte ich, »keiner. Meine Mutter vielleicht, als ich klein war. Aber nicht mit ihren Haaren, sondern mit einem Handtuch, klar.«

»Dann bin ich wenigstens darin die Erste«, lächelte sie, machte die Zigarette aus und ging ins Bad. Schnaufend schleppte sie eine rote Plastikschüssel mit Wasser herbei. Kniete nieder. Zog mir die Schuhe aus. Krempelte mir die Jeans hoch. Wusch mir sorgsam mit ihren Fingern und Handflächen die Füße. Dann beugte sie sich tief nach unten und wischte mir die Füße mit den Haaren ab. Ihre Haare weckten viele seltsame Gefühle in mir, weil sie die Haut der Fußsohlen auf eine besondere Weise reizten.

»Weißt du«, sagte ich ihr, »die Alten haben nichts einfach so gemacht. Ich verstehe, das ist schon sehr speziell.«

»Toll«, sagte sie und schaute mit Liebe zu mir auf, was mich verwirrte. »Jetzt wirst du immer an mich denken.«

Ja, ich denke an dich, meine junge Leiche, ich denke an dich, und wie. Ich hab das Gefühl, ich führe meine Hand an die Nase, und sie riecht nach deiner jungen dreisten Möse. Und die Jungs denken an dich. An dein Herz, an deine großzügig gespreizten Schenkel, unsere Süße, du. Ein Mädchen wie du ist mehr wert und besser als hundert stinkende Rührmichnichtans. Eine Frau muss immer bereit sein.



Wir wussten lange nicht, dass wir einen Rivalen haben, und sein Name beginnt mit dem lateinischen »H«. Genauer gesagt, wir Moskauer wussten von diesem Rivalen längere Zeit nicht als die Petersburger. Die Petersburger, die dich öfter sahen, erfuhren es eher. Offensichtlich fehlte dir selbst in unserem unruhigen revolutionären Parteileben die Ekstase. Und du suchtest die Ekstase, indem du dich mit »H« trafst. Eines Nachts hast du mich angerufen und auf meinen Anrufbeantworter Urschmerz und Schrecken hinterlassen. Du riefst aus den Armen »H«s an. Als ich am nächsten Tag nach Hause kam, versuchte ich, dich zu finden, dein Vater sagte böse, du seist nicht zu Hause. Als ich dich fand, stellte sich heraus, du wusstest gar nicht mehr, dass du mich angerufen hattest.

»Alles in Ordnung, Maria?«, fragte ich.

»Bei mir ist alles in Ordnung, keine Sorge. Ich bin ein kräftiges Mädchen«, sagtest du. Aber alle »R«s in »Ordnung« und »kräftig« kamen weicher als sonst.



Im Oktober 2000 bist du gestorben. Du warst zweiundzwanzig und zwei Monate. Die Partei vergisst dich nicht, die Männer der Partei vergessen dich nicht. Du hast so viele selig gemacht. Dich vergesse ich nicht. Hier, ich führe meine Hand zur Nase, und die Hand riecht nach deiner jungen, dreisten Möse. Darum schlafe sanft, unser Kampfgenosse.
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Tags: deutsch, переводы, тексты Лимонова
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